Die religiöse Unterweisung in der Volksschule. 485
wohl, daß es in seiner Gemeinde keine Unbekehrten gebe. War dieses Urteil
wohl richtig? In Wahrheit ist es doch so, daß auch in den besten Gemeinden
ein kleiner Kreis es ist, der zu dem gerühmten Leben hindurchgedrungen, und
daß die vielen andern, von ihrem Gewissen mehr oder weniger überführt, diesen
Geförderten sich anschließen, ihnen folgen. Wie aber die Majorität jetzt willig
dem Besten der Gemeinde sich anschließt, so kann sie bald auch ganz anders
Gesinnten Heeresfolge leisten, wenn sich diese nur geschickt als Haupt und
Führer einzuführen verstehen. Bei der Menge liegt das Kreuzige dem Hosianna
nie fern.
Prof. Rud. Sohm stellt am Schluß seiner vortrefflichen Kirchengeschichte
im Grundriß die Frage: „Wem soll ich unsre Gesellschaft vergleichen?" Er
antwortet: „Ich vergleiche sie dem Erdball, auf dem wir wohnen. Eine
dünne Rinde um einen ungeheuren, feurig-flüssigen, vulkanisch gärenden, re
volutionären Kern. Äußerlich alles Ordnung, Friede, Blühen und Gedeihen,
aber ein Moment, und die elementaren, titanischen Kräfte der Unterwelt haben
die ganze Herrlichkeit in Schutt und Asche verwandelt. Nur wenige sind es,
welche die besitzende, regierende, genießende, am öffentlichen Leben Anteil
nehmende Gesellschaft bilden; die Masse stellt den Lastträger, zugleich den über
mächtigen Feind der Gesellschaft dar."
„So ist es zu allen Zeiten gewesen. Die Gesellschaft pflegt sich in dem
Wahn zu gefallen, daß sie das Volk sei und daß ihre Interessen mit bett
Interessen des Volkes identisch seien, bis eine revolutionäre Erschütterung des
Bodens, auf dem sie stand, ihr zeigt, daß sie nicht das Volk war, sondern nuv
die dünne Rinde um den feurig gärenden Kern."
Sohm erinnert daran, wie im Mittelalter Adel und Geistlichkeit die allein
besitzenden und regierenden Klassen waren, wie dann an der deutschen Reform
mation das Bürgertum sich selbständig beteiligte, wie durch den dreißigjährigen
Krieg die geistige Führung von dem wirtschaftlich und geistig verarmten Deutsch
land an England und Frankreich überging, wie hier die Philosophie der Auf
klärung zu einer Macht wurde, die durch die Idee der Freiheit, Gleichheit und
Brüderlichkeit die französische Revolution herbeiführte und Gemeingut des ge
bildeten Europas wurde. Der dritte Stand, der Adel und Geistlichkeit unter
schiedslos in sich aufnahm, bildete die Gesellschaft; doch auch er ist nur die
dünne Rinde. Die beiden ersten Stände hatten ihre alt ererbten Privilegien
verloren, weil sie selbst von der Idee erfüllt waren, die ihre Machtstellung ver
nichtete. Wird der dritte Stand sich gegen den vierten, der sich seiner Macht
bewußt geworden, besser verteidigen können?
Sohm sagt mit Recht: „Eins ist gewiß: daß nämlich die Entscheidung
nicht durch die Bajonette und nicht durch äußere Machtmittel, sondern allein
durch die Stellung gegeben wird, welche wir, welche unsere Gesellschaft zu der

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.