Die religiöse Unterweisung in der Volksschule. 487
Kultur haben in unsern Reihen einen viel zu guten Klang, als daß wir nicht
mit dabei sein wollten, wo in ihrem Namen verhandelt und gestritten wird.
Die althergebrachten Namen zur Bezeichnung des Bekenntnisses unsrer
Gemeinden sind noch geblieben. Aber was lebt man in Wahrheit? Wir wissen
nicht nur von ungezählten Richtungen unter den Protestanten, von orthodoxen
und liberalen, wir wissen auch von Atheisten und Pantheisten, von Sensualisten
und Materialisten, von Menschen, die sich in ihrem sündigen Wesen ausleben
wollen, die das Recht der Macht verkündigen, statt der keuschen Ehe die freie
Liebe als das Normale predigen und mit den Banden der Religion auch die
des Gewissens abwerfen.
Wie verwunderlich es auch ist, nominell bleiben sie bei dem althergebrachten
Bekenntnis und helfen so dazu, dieses zu einer Unwahrheit zu machen. Statt
sich von der Gemeinde, mit deren Bekenntnis sie zerfallen sind, friedlich zu
scheiden, werben sie mit allem Eifer für ihr neues Bekenntnis und bekämpfen
das ihrer nominellen Gemeinde so, daß man von manchen Gemeinden sagen
kann, daß sie ihre schlimmsten Feinde in ihren eigenen Gliedern habe.
Welche Stellung sollen wir diesem trostlosen Stand der Dinge gegenüber
einnehmen?
Erstens sollen wir uns über die Lage und deren Bedeutung für uns klar
werden. Wenn der thüringische Pfarrer auch recht hat, wenn er sagt, daß
man in dem häufig gebrauchten Ausspruch: „Wer die Schule hat, der hat
die Zukunft", das Wort „Schule" durch „Mutter" ersetzen solle, so wissen wir
doch, daß der Glaube oder Aberglaube an die Macht und Bedeutung der
Schule die Vertreter der verschiedenen Weltanschauungen immer wieder dazu
antreibt. sich vor allem die Schule dienstbar zu machen, sie zu gewinnen als
Mund und Pflegerin ihrer Lehre. Um dieses Ziel zu erreichen, gilt es zunächst,
die bestehende Konfessionsschule zu bekämpfen, sie aus dem Wege zu räumen,
und so Raum zu schaffen für die Schule des eigenen Bekenntnisses.
Es handelt sich in Wahrheit um einen Kulturkampf. Wir denken bei
dem Worte Konfession gewöhnlich nur an eine religiöse Besonderheit, in
Wahrheit aber erhält die gesamte Lebensauffassung durch die Konfession ihr
eigenartiges Gepräge. Man braucht nur die verschiedenen Urteile über besonders
hervortretende gute oder schlechte Vorkommnisse, die Art der Kindererziehung
und -gewöhnung, die Lebensführung, den Zimmerschmuck, die Wahl der Lektüre,
das Verhalten bei politischen und andern Wahlen usw. zu beobachten, um es
zu erkennen, daß die Sittlichkeit, der ästhetische und literarische Geschmack, die
Stellungnahme zu den politischen, Gemeinde- und wirtschaftlichen Fragen, das ge
sellige Leben usw. deutlich unter dem Einfluß der Konfession stehen. Es ist
sehr zu bedauern, daß dieses hoch bedeutsame Faktum viel zu sehr als ein noli
me tangere pflegt behandelt zu werden. Wären wir uns klar über diese

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