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I. Abteilung. Abhandlungen.
weitreichende Bedeutung der Konfession, so würde auch die Simultanschule ihren
mit Unrecht erworbenen Glanz und ihre Anziehungskraft verlieren, würde es
sich doch zeigen, daß z. B. katholische und evangelische Eltern nicht nur in der
Religion, sondern in allen humanistischen Lehrfächern und ebenso in der Zucht
ihrem Bekenntnis entsprechend ihre Kinder in der Volksschule wollen behandelt
wissen.
Es ist nicht unsers Amtes zu richten, und wir unterlassen es um so
lieber, weil wir wisien, daß zu einem rechten Gericht ungleich mehr gehört, als
wir besitzen. Dazu lehrt die Erfahrung, daß auch das beste menschliche Wollen
auf bedenkliche Abwege führen kann. Es sind auch Leute unter den Irrenden,
die wir um ihrer Aufrichtigkeit willen und wegen der Opferwilligkeit, mit der
sie für das von ihnen für wahr Gehaltene eintreten, nur ehren und anerkennen
können.
Nicht über Personen richten wollen wir, unsere Pflicht aber ist es, die
verschiedenen Welt- und Lebensanschauungen, speziell auch die verschiedenen re
ligiösen , daraufhin zu betrachten, ob sie für die Zwecke der Erziehung aus
reichend und zupassend sind oder nicht.
2. müssen wir uns über unsere Stellung zur Ethik klar werden. Ich
glaube an eine absolute Ethik und weiß mich dabei in guter Gesellschaft.
Wie die Alten das Gebot: Liebe und ehre deine Eltern, tue wohl deinem
Nächsten, anerkannten, so erkennen auch wir es als gültig an, mag die
Befolgung desselben nach Maßgabe der Zeit- und Lebensanschauung noch so
verschieden sein. Wenn wir von einer Entwicklung in der Ethik sprechen, so ist
damit eine Entwicklung einmal an der Feinfühligkeit gegen die sittlichen Gebote,
dann in der Art der Befolgung gemeint. So entwicklungsfähig unsere An
schauung von der Anwendung der Forderung der Nächstenliebe auch sein und
bleiben mag, die prinzipielle Forderung war und bleibt immer dieselbe.
Staat und Gesellschaft haben diese Ethik zur ersten Voraussetzung; sie
würden die Möglichkeit ihres Bestehens auflösen, wollten sie eine Lebensanschau
ung als allgemein zulässig und darum für die öffentliche Erziehung anwendbar
erklären, die die verpflichtende Macht der Ethik leugnet.
Die Frage: Ist die Ethik absolut oder in fortgehender Entwicklung be
griffen, ähnlich unsrer Naturerkenntnis? ist wichtiger, als dies auf den ersten
Blick scheint. Während die absolute Ethik ihre Musterbilder hell und klar dem
Wollen hinstellt und nach bester Einsicht ihre Verwirklichung fordert, un
bekümmert um Neigung, Stützen, überhaupt Folgen, ist nach der evolutionistischen
Anschauung das weitgehendste Anpaffen an die jeweiligen subjektiven und Zeit-
Verhältnisse und -anschauungen unvermeidlich. Sittlich geboten erscheint bald nur
das, was nützlich ist oder doch zu sein scheint. Das schöne, wertvolle Wort des

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