Die religiöse Unterweisung in der Volksschule. 489
Prof. Hülsmann: „Die gewissesten Wahrheiten sind die sittlichen", gilt in Wahr
heit nur für die absolute Ethik; die relative, in stetem Wandel begriffene Ethik
kann zu einer solchen Gewißheit nicht kommen.
3. tut uns eine möglichst eingehende Bekanntschaft mit der pädagogischen
Bedeutung der Religion not.
Es gibt eine Ethik ohne Religion, und es ist wichtig, dies zu verstehen
und anzuerkennen, schon um der allgemeinen Verständigung willen; es ist aber
auch wahr, daß unsre Sittlichkeit wie überhaupt unser Tun und Sein die
kräftigsten Impulse von unsrer Religiosität empfangen. Wie noch kein Volk ohne
Religion gefunden ist, so glauben wir an eine in allen Menschen vorhandene
Gottessehnsucht, die, wie lange sie auch durch widersprechende Raisonnements und
Gelüste übertäubt werden mag, doch immer wieder als unauslöschlich vorhanden
hervorzubrechen vermag.
Doch ich will zu dieser Frage lieber einen Philosophen, Herbart, reden
lassen. In Bd. IV S. 611 heißt es: „Alle Menschen, so sagt der Vater der
Dichter, alle Menschen bedürfen der Götter. Das ist noch heute wahr, und
in einem höheren Sinne wahr, als der alte Vater es dachte. Denn nachdem
wir gelernt haben, die Mitwirkung der Umstände zu unsern Zwecken als einen
Erfolg der Natur anzusehen, den wir zum Teil durch Klugheit, Vorsicht, Kunst
in unserer Gewalt haben, welchen aber durch Opfer und Bilder von der
Wunderkraft der göttlichen Willkür erflehen zu wollen, wir dem Aberglauben
überlassen müssen: verwandelt sich die Religion aus einem Bedürfnis des
Lebens in ein Bedürfnis des Herzens, welches allen Wünschen, zu leben und
zu erleben, soweit vorangeht, daß, ohne seine Erfüllung, jene uns geringfügig
und geschmacklos werden würden. Denn — wollten wir arbeiten, um zu genießen?
genießen, um das Sterben der Genüsse wie einen lebendigem Tod zu erleben?
Oder soll uns die Neugierde das Auge vffen erhalten, bis wir die Weisheit,
es geschehe nichts Neues unter der Sonne, mit Augen gesehen haben? Und
wollen wir halten mit fester Gewöhnung an dem Vergänglichen, um eine ewige
Sehnsucht nach dem Entflohenen in die Zukunft hinüber zu nehmen? Oder
soll der Ehrgeiz uns das ewig Künftige, einen Ruhm, der uns genüge, vor
spiegeln und uns an die Meinung der Toren fesseln?"
„Das ewig Schöne, das ewig Gefallende und Genügende sucht der Blick
des Edlen. Nicht sowohl in sich, — wiewohl er keinen Flecken mit sich
tragen mag — als in dem Ganzen. Nicht sowohl in dieser oder jener Periode
der Zeit, wiewohl er die Zeit gerne zum Arbeiten und zum Verbessern benutzt,
als in der bleibenden Anordnung, welche dem Laufe des Zeitlichen zu Grunde
liegt. Hier den Finger Gottes zu erkennen, ist ihm so viel, als dem unendlich
erhabenen Freunde begegnen."

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