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I. Abteilung. Abhandlungen.
„Dieses Freundes nicht bedürfen, hieße, einer Einsamkeit vertraut sein, wie
sie der Egoismus mitten in die Gesellschaft einführt, um die Wohnungen der
Menschen zur Wüste zu machen."
„Im Grunde glauben wir alle an einen Gott," sagt er wenige Zeilen weiter.
In Band II S. 56 ff., erinnert Herbart daran, wie der Mensch das
gesuchte, ihn wahrhaft befriedigende Gut nicht findet, die erkannte Pflicht nicht
erfüllt, die Tugend, wie er sollte, nicht übt, und fährt dann fort: Wenn die
Religion den Menschen so fände; was hätte sie zu tun? „Dreierlei ohne
Zweifel: den Leidenden zu trösten, den Verirrten zurecht zu weisen, den Sünder
zu bessern und dann zu beruhigen. Hiermit ist ihre dreifache Stellung an
gezeigt; denn man wird ohne Mühe bemerken, daß zur Güter-, Pflichten- und
Tugendlehre eine Ergänzung gehört, weil keine Lehre in der Welt imstande ist,
den Menschen vor Leiden, Übertretungen, innerem Verderben zu sichern. Das
Bedürfnis der Religion liegt am Tage: der Mensch kann sich selbst nicht
helfen; er braucht höhere Hülfe."
„Die Religion setzt das Ewige dem Zeitlichen entgegen. So schneidet sie
die Sorgen ab und bringt ganz andre Gefühle hervor, als die des irdischen
Leidens. Sie vermindert das Gewicht der einzelnen Handlungen des Menschen,
indem sie eine höhere Ordnung der Dinge zeigt, die Ordnung der Vorsehung,
welche mitten unter menschlichen Fehltritten dennoch das Gute fördert. Sie
stellt allem falschen Heroismus das Ideal eines göttlichen Leidens (wenn man
sich so ausdrücken darf) gegenüber, welches aus Dulden und Wirken dergestalt
zusammengesetzt ist, daß jede menschliche Tugend, damit verglichen, als eine
ohnmächtige Überspannung erscheinen würde. Hiedurch demütigt sie nicht bloß
den Tugendhaften, sondern beschämt auch die Sünde in ihrem Innersten, indem
sie dem lüsternen Eigennutz die Aufopferung, dem Groll die Liebe zeigt. Wird
es ihr auch gelingen, die Sünde zu erdrücken, zu zerstören, zu vertilgen? Das
weiß kein Mensch, denn dazu müßte einer dem andern ins Herz schauen können,
und zwar ohne Vergleich tiefer, als irgend einer bei der genauesten Selbst
beobachtung in sich selbst einzudringen vermag. Erlösung auf Bedingung der
Befferung läßt sich wohl verkündigen: aber die Frage, ob auch dieser und jener
die Bedingung erfülle, muß man Gott anheim stellen."
„Selbst die Religion also vermag das irdische Dunkel nicht ganz zu er
hellen. Demnach ist das, was sie schafft, unschätzbar, und auf keine andre Weise
zu ersetzen. Zwar kann man das Ideal der Tugend durch Hilfe der praktischen
Ideen sehr bestimmt zeichnen; ja es ist leicht zu erkennen, daß, indem wir die
Gottheit selbst als heilig, allmächtig, gütig, gerecht und vergebend denken, hier
bei unser Begriff die nämlichen Ideen zusammenfaßt, welche der Sittenlehre
das Dasein geben. Allein dies alles richtet den gesunkenen Menschen nicht
empor, ihm muß sich eine neue Welt eröffnen, denn seine Welt ist ihm ver

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