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I. Abteilung Abhandlungen.
Literatur, daß dies ein Irrtum ist. So erschien vor kurzem als 6. Heft des
30. Bandes der Zeitfragen des christlichen Volkslebens eine größere treffliche
Arbeit von Realgymnasialdirektor Dr. Zange in Erfurt: „Konfessions- oder
Simultanschule? (Stuttgart, Belser. 1 M.)
Ausgehend von dem nationalliberal konservativen Schulkompromiß bespricht
Zange zunächst die rechtliche und nationale Bedeutung der Frage, sucht dann in
der notwendigen Einheit der Erzieher und der Pädagogik den rechten Standort
für die Beurteilung, erwägt darnach das Recht und das Interesse der sonst an
der Frage Beteiligten und schließt mit einem kurzen Hinweis auf die Trübungen
der Frage und 12 Thesen.
Schon diese dürftige Inhaltsangabe der schönen Arbeit läßt es ahnen, in
wie vielen Punkten wir nicht einig sind, wie sehr eine eingehende Verständigung
not tut. Dörpfeld sagte gern: Wer der Schule den Religionsunterricht nimmt,
der nimmt ihr die Sonne, den Frühling aus dem Jahre. Was ist damit
gesagt? Was soll ohne Bild die Religion unserm Volk und seiner Jugend sein?
Denken wir uns, es würde uns ein Knabe zugeführt, ihn im Rechnen zu
unterrichten. Wir würden ihn nach unsrer Kenntnis des Stoffes dem Stand
punkt und der Befähigung des Schülers entsprechend in diesem Fache zu fördern
suchen. Wir gäben ihm Fachunterricht und erzögen ihn nur so weit, als dies
zum Gelingen unserer Arbeit notwendig ist. So würde es auch noch sein, wenn
wir ihn im Recht- und Schönschreiben, in der Kenntnis der Natur rc. zu unter
weisen hätten. Wir förderten ihn in dieser und jener Richtung, machten ihn
für diesen und jenen Beruf geschickt, aber sein Wesen, sein Charakter würde
nicht in der Tiefe berührt, wir erzögen ihn nicht. Würde derselbe Knabe uns
zur Erziehung übergeben, so würden wir ihn auch nach Kenntnissen und Fertig
keilen fördern, der Ausbildung seines Intellekts und Geschmacks und der Be
fähigung wegen, später im Leben seine Stelle ausfüllen zu können. Für seine
Charakterbildung aber würden wir eingedenk des Magerschen Wortes: „Der
Diamant läßt sich nur am Diamanten schleifen", das Beste von den humani
stischen Fächern erwarten. Mit dem reichsten Wissen und dem ausgebildetsten
künstlerischen Geschmack kann sich die gemeinste Gesinnung paaren. Sohm
berichtet: „Nie gab es eine Gesellschaft, so glänzend gebildet, so reich an
Interessen und Begabung, so kraftvoll schöpferisch an unsterblichen Meisterwerken,
und doch zugleich so tief unsittlich, so tief verderbt, so bestialisch egoistisch, wie
die Gesellschaft Italiens in der zweiten Hälfte des fünfzehnten Jahrhunderts.
Dies war die Zeit, die einen Cäsar Borgio hervorbrachte, ihr Abbild, ihr
Ideal und zugleich ihr Entsetzen." (Kirchengeschichte im Grundriß, S. 127.)
Wir wissen aus der Lebensbeschreibung des Sohnes, wie Friedrich Perthes, in
strenger Zucht nach den Kantischen Imperativen erzogen, in seinen Jugendjahren

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