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I. Abteilung. Abhandlungen.
Idealmensch, und hat er nicht denen, die ihm angehören, verbeißen, daß sie seine
Herrlichkeit sehen und an ihr teilhaben sollten?
Nicht Anthropologie und Psychologie, nicht Wissenschaft und Kunst, Philosophie
und Ethik können uns klar aufdecken und zeigen, was und wie wir sind, was und
wie wir sein sollten, wohin unser wahrer Beruf geht; das kann nur Gott durch
sein Wort. Und darum ist die religiöse, von der christlichen Persönlichkeit ge
tragene religiöse Unterweisung die Sonne, ohne deren Sckein wir weder unser
Nichts- und Verlorensein noch die Herrlichkeit begreifen können, zu der uns Gott
in seiner Freundlichkeit berufen hat. Darum gleicht das Erwachen des religiösen
Lebens dem Frühlinge, der durch Feuchtigkeit, Licht und Wärme ungeahntes
Leben und neue Schönheit hervorruft, dessen das Menschenherz und alles Leben
dige sich freut, und aus dem die Fülle des Sommers und Herbstes sich weiter
entwickelt, und ohne den sie fehlen würde.
Aber wer glaubt unserer Predigt?
Es würde wenig bedeuten, wenn wir bezeugen wollten, daß wir in der
christlichen Religion Leben und Seligkeit gefunden haben, und daß nichts anderes
uns Ähnliches oder gar Gleiches zu bieten vermocht hat; müssen wir doch von
jedem erwarten, daß er das ihm als das Beste und Wertvollste Erscheinende
sich erwählt hat. Unser Glaube beruht aber auch nicht auf solch subjektivem
Grunde.
Von der ältesten Zeit an bis in die Gegenwart kennen wir eine ununter
brochene Kette von Zeugen, die einstimmig und freudig es bekennen und preisen,
daß sie in Christo ihres Lebens Heil und Seligkeit gefunden haben, die es be
zeugen , daß nicht ihr Suchen und Forschen, ihr Wollen und Laufen sie hat
finden lassen, sondern die suchende Liebe des Vaters im Himmel. Wie
Abraham den Tag Christi sah und sich sein freute, so haben überhaupt die
Glaubenden des Alten Bundes in der gewissen Hoffnung auf Christum die Ge
rechtigkeit gefunden, die vor Gott gilt, gleichwie wir in dem gekommenen und
verklärten Menschensohn, in der Hoffnung auf den schon Adam seinen Sohn
Kain, den Mann, den Herrn, nannte. Daß es sich in ihrem Glauben nicht um
nienschlich Erdachtes oder Gefundenes, sondern um eine göttliche Tat und ein
göttliches Tun handelt, und daß diese Tat, dieses Tun in ihrer aller Herzen
als deren tiefstes und höchstes Bedürfnis über alle Vernunft befriedigend
als göttlich sich erwiesen hat und noch erweist, das ist der feste Grund ihres
Glaubens.
Sehr schön führt dies Prof. Mich. Baumgarten in seinem Sacharja aus,
wo er sagt: „Wir werden in dem Worte Gottes unsers Vaters ganz ebenso
inne, wie das Kind seiner Mutter in den Kundgebungen einer unvergleichlichen
Liebe. Denn denke doch keiner, daß das Kind seine Mutter kennt, weil man
es ihm gesagt hat; mit dem Erfahren und Erkennen der Mutter erwacht ja

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