Die religiöse Unterweisung in der Volksschule. 495
nämlich erst alles Bewußtsein und Leben des Kindes. Vielmehr das, was das
Kind erfährt als die sein ganzes Sein und Leben hegende und pflegende Liebe,
als welcher das Kind zu eigen gehört, das ist ihm das Mütterliche; und das
Kind erkennt dieses, weil es mit seiner ganzen Bedürftigkeit auf solche Liebe
angewiesen ist, und darum kommt es nirgends als an der Brust der mütterlichen
Liebe zur Ruhe, hier aber auch so völlig, daß wir kein höheres Bild der
menschlichen Ruhe und Befriedigung haben, als dieses. So hat auch der sün
dige Mensch in der unaussprechlichen Bedürftigkeit seines ganzen Wesens die
ausreichende Möglichkeit, völlig gewiß zu werden, wenn er Gott gefunden
habe; er wird so lange von unentfliehbarer Unruhe und Angst umhergetrieben
in der Welt, bis er sich geschirmt weiß von den väterlichen Armen der gött
lichen Gnade."
So wahr und echt menschlich diese Darstellung Baumgartens auch ist, so
trifft sie doch für viele nicht zu. Wie hier niedere Gelüste die Stimme des
höheren Bedürfens ersticken, dort der vorwiegende Intellekt das Erfassen in
kindlichem Glauben hindert, so sind ungezählte Einflüsse tätig, den Kindern
unserer Zeit den alten Glauben zu entfremden. Neben der alten orthodoxen
Theologie ringt eine moderne liberale nach Gleichberechtigung in unserer evan
gelischen Kirche. Durch geschichtliche Forschung bemüht sie sich, den religiösen
Kern zu fassen, der nach ihrer Überzeugung hinter dem Glauben der Kirche als
Inhalt des ursprünglichen Christentums sich verbirgt. Sohn, warnt vor der
Gefahr, das Christentum lediglich als Gegenstand geschichts-wissenschaftlicher
Untersuchung statt als eine Tatsache anzusehen, die den Forscher persönlich un
mittelbar angeht.
Ich muß gestehen, daß es mich verletzt und empört, wenn ich Jesum herab
setzen, an seine Ehre tasten sehe. Es kommt mir arg unbescheiden vor, wenn
Menschenkinder das Wort Gottes meistern wollen; wenn ein Professor zu sagen
wagt, die alte Kirchenlehre entspreche allerdings der Lehre Pauli, aber die pauli-
nische Lehre sei nicht die Lehre Jesu; wir seien über die Paulinische Auffassung
hinaus. Die Propheten und Apostel haben in einer besondern Gnadenzeit gelebt.
Sie haben ihr Volk auf das kommende Heil hinweisen, es für die Annahme
desselben bereiten, die frohe Botschaft von dem gekommenen Heiland hinaustragen,
von dem zeugen dürfen, was sie als Schüler und Jünger von ihrem Meister
und Herrn gesehen und erfahren hatten. Sie standen unter einer besondern
Zucht des Geistes, und als solche haben sie auch geschrieben. Um dessentwillen,
was sie gesehen und erlebt haben, stehen sie hoch über allen, die nach ihnen ge
kommen, auch über Luther, Bengel und Hamann. Wenn uns dieser Männer
Wort hoch und teuer ist, wie viel mehr muß uns das der Apostel und Propheten
heilig und wert sein!
Auch hier steht uns nicht zu, über Personen zu richten. Sohm sagt mit

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