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I. Abteilung. Abhandlungen.
vorhandenen guten, erziehlichen Kräfte zu rechter Geltung kommen lassen, und die
Übeln, verführerischen zurückzuhalten und zu unterdrücken geeignet sind. Wir
entfernen uns von dieser idealen Erziehungsgemeinde immer mehr, und doch kennt
jeder die triviale Wahrheit, daß das Gelingen eines jeden Werkes von der Einigkeit
der Werkleute und deren einheitlichem Wirken abhängt.
Luther hat gesagt: Mit den alten Klötzen ist nichts zu machen, Besserung
der Verhältnisse muß man durch Pflege der Jugend suchen. Die heutige Schul
weisheit sagt: Von der Familien- und öffentlichen Erziehung ist nichts Rechtes
zu erwarten; laßt uns die Schule möglichst unabhängig von ihnen stellen, und
dann mag sie mit Hilfe der Polizei Schul-Normalmenschen erziehen. Wenn
unsere Schule im Verhältnis zu der aufgewandten Mühe und Arbeit recht wenig
leistet, wenn namentlich die Resultate der religiösen Unterweisung geradezu
erschreckende sind, so kommt dies hauptsächlich daher, daß wir Auswahl und
Behandlung des Stoffes nicht so getroffen haben, daß unser Tun im volks
tümlichen Jnteresie Resonanz und Halt gefunden hätte. Nicht das wirkliche,
sondern ein gedachtes, abstraktes Kind unternimmt die Schule zu bilden. Statt
die im Kinde vorhandenen und ihm aus seinem Lebenskreise immer neu erwach
senden Interessen zu pflegen, knüpft man Selbsterwähltes an dieses Interesse an,
richtet im Kopf des Kindes ein Schulkämmerchen ein, deffen Inhalt notdürftig
sich erhalten läßt, solange die Schulzeit dauert, der aber unbekümmert dem
Verfall preisgegeben wird, sobald sie zu Ende geht. Wesentlichen Einfluß hat
das Gelernte nur auf das Schul-, nicht auf das wirkliche Kind gehabt.
Für unsere Frage von besonderer Bedeutung ist hier noch dies: Kann man
Stoffauswahl und -behandlung treffen, ohne dabei auf das volkstümliche Jnter
esie Rücksicht zu nehmen, warum sollte dann nicht ein recht fortgeschrittener
Lehrer sein Amt in Schule und Gemeinde dazu benutzen, die neusten Zeitergeb
nisse in seinem Kreise zur Annerkennung zu bringen? Dem abstrakten Menschen
kann er damit einen wesentlichen Dienst zu tun vermeinen, wogegen ihn der
Gedanke an seine Pflicht gegen den konkreten Menschen wohl zurückgehalten hätte.
Man wird mir s agen: Du redest von Idealen, die lassen sich nicht ver
wirklichen. Gewiß, die Ideale sind aber auch Leitsterne, die man nicht un
gestraft aus dem Auge verlieren kann. Mag es noch so unzeitgemäß klingen,
wir müssen klar und bestimmt sagen, beides, was ist und was sein sollte.
Tun wir dies nicht, so verlieren wir auch selbst das rechte Gefühl für die
Wahrheit, lernen behaglich uns einrichten unter den erbärmlichsten Verhältnissen.
Wir erfahren es nur zu oft und bitter, was aus uns wird, wenn wir dem
Idealen den Rücken kehren, mit der Zeitmeinung paktieren und es uns bequem
machen in dem Bereich des Nützlichen. Wer erschrickt noch, wenn er die vielen
Hunderte, ja Tausende von Kindern demselben Schulgebäude entströmen sieht?
Wenn er in seiner einstufigen Klasse 70 Kinder, die aus so verschiedenen häus-

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