Die religiöse Unterweisung in der Volksschule. 490
sichen Verhältnissen kommen, von so verschiedener Vorbildung und Beanlagung
sind, mit denselben Mitteln fördern, zu demselben Ziele hinführen soll?
Zu der Herbart'schen Idee der Vollkommenheit, der eigentlichen Bildungs-
und Schulidee, gehört als drittes Stück die Gesundheit des Willens, die rechte
Accentuierung, das Betonen des Bedeutenden vor dem minder Bedeutsamen.
Es ist recht, daß in den Systemkonferenzen Einheit erzielt wird über die Buch
stabenformen, darüber, wie die Schlingen am kleinen r, a, g rc. einzuüben sind.
Was muß aber ein rechter Freund der Volkserziehung sagen, wenn er sieht, wie
wir in unsern Konferenzen uns heute um allerlei methodische Fragen, morgen
um solche der Standes- und Berufsehre eifrig bemühen und den Tod im Topf
nicht sehen? Muß er nicht sagen: Ihr verzehntet Dill und Kümmel und habt
für die großen Fragen und Aufgaben Blick und Verständnis verloren? Es gibt
da allerlei Entschuldigung. Jst's uns nicht befohlen? Vor nicht langer Zeit sagte
mir ein höherer Schulbeamter: Ich tue, was der Minister will; das müssen
Sie auch tun. Ich erwiderte ihm: Ich weiß, was ich den Anordnungen meiner
Behörde schuldig bin, und würde mein Amt niederlegen, wenn ich den Geist
derselben nicht erfüllen könnte. Von der Achtung meines Gewissens aber will
und kann mich kein preußischer Minister entbinden. —
Wie es uns ein ernstes Anliegen sein muß. die Mängel in unserm Schul-
betrieb abzustellen, so gilt dies 5. nicht minder von den Mängeln in der Schul
aufsicht und -verfasiung.
Ich bekenne gern, daß ich mich nach meinen Erfahrungen und Beobachtungen
nur freuen kann, daß wir die geistliche Schulaufsicht gehabt haben. Mag auch
den Pfarrern für manches, was uns bewegt oder drückt, das rechte Verständnis
abgehen; sie waren durch ihren Hauptberuf gewiesen geistlich zu urteilen und
waren unabhängige Männer, die Schule und Lehrerstand frei vertreten konnten.
Wie weit die Fachaufsicht letzteres zu tun vermag, wird sich ja niehr und mehr
zeigen. Wenn die unerläßliche Forderung einer organisierten Schulgemeinde
erfüllt sein wird und in ihr die vier Erziehungsfaktoren sich zu einheitlichem
Wirken zusammensinden, so wird man gern die verständigen Pfarrer wieder zum
Mund der Gemeindevertretung machen und ihnen so eine ähnhliche führende,
aber gesundere Stellung geben, wie die jetzige.
Alles hat seine Zeit. Tief Schädigend mußte es auf das Verhältnis zu
den Mitarbeitern, speziell auch auf die Stellung der Lehrer zu der Konfessions
frage der Volksschule wirken, daß die Pfarrer die Lokalschulinspektion nicht nieder
legten, als die Entwicklung des Volksschulwesens dies geboten erscheinen ließ;
noch schlimmer ist, daß man die Torheit begeht, die Notwendigkeit der Ver
bindung von Kirche und Schule als Grund anzugeben, warum dies nicht ge
schehen. Der Schein der Herrschaft verdirbt alles. Viele Lehrer sind Freunde
der Simultanschule geworden, nur um die geistliche Schulaufsicht los zu werden.
36*

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.