Zum neuen Jahre.
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wohl hören: „Warum solch ein Artikel? Das kann man ja bei Ledderhose
alles lesen. Praxis, Praxis brauchen wir!" Andere freuten sich des dankens
werten Hinweises und ließen sich Ledderhoses Flattich kommen, um so noch mehr
von dem pädagogischen Original zu erfahren und für sich und ihre Praxis von
ihm zu lernen.
In jahrzehntelanger Arbeit hat Dörpfeld die Mission seines Schulblattes
immer bestimmter herausgearbeitet. Daß dies eine Mission ist, die es verdient,
daß man sie fest im Auge behalte und ihr mit Hingebung weiter diene, möchte
ich an zwei Beispielen zeigen.
In Nr. 34 der „Reformation" vom 21. Aug. v. I. steht ein trefflicher Artikel:
„Die Lehrerschaft und die Simultanschule". In demselben findet sich folgende Stelle:
„Wir sollen die Vollbibel benutzen, und doch beweisen die bisherigen Erfahrungen
zur Genüge, wie weit man damit kommt. Wir möchten gern zusammenhängende
Stücke aus der Bibel lesen; aber woher die Zeit nehmen, wenn man das Dog
matische in den Vordergrund stellt und die Bibel höchstens würdigt, für die
menschlichen Fündlein „Belegstellen" zu liefern. Man sehe sich ferner die Kirchen
lieder an. Wie viele derselben sind für Kinder oder wenigstens in volkstümlicher
Weise gedichtet? Was Luther seinen Kindern gesungen hat: „Vom Himmel
hoch, da komm ich her", wollen wir gern die Kinder lehren. Aber man ver
schone uns doch mit Liederstrophen, zu deren Erklärung ganze Stunden not
wendig sind. Eins der gebräuchlichsten Lieder für das erste Schuljahr ist die
Strophe: „Ach bleib mit deiner Gnade". Nun vergegenwärtige man sich den
Inhalt und frage sich dann, was unsere sechsjährigen Kinder damit anfangen
sollen. Sie werden systematisch zum Wortemachen (Maulbrauchen würde Luther
sagen) erzogen. Fürs erste Schuljahr sind hier zwölf biblische Geschichten vor
geschrieben. Sechs bis acht Wochen bringt man zu mit der Geschichte von der
Schöpfung, das sind bei täglich halbstündigem Unterricht achtzehn bis vierund
zwanzig volle Unterrichtsstunden! Muß da den Kindern, die mit so lebhaftem
ursprünglichen Interesse für „Geschichten" in die Schule eintreten, nicht jedes
lebendige Interesse ausgetrieben und von vornherein die Meinung beigebracht
werden, im Religionsunterricht komme es lediglich aufs Stillsitzen an?"
Wer dies liest, der fragt sich billig: Wie ist so etwas, wie das hier Be
klagte, möglich im Jahre 1904? Ist nicht seit hundert und mehr Jahren über
den Stand der religiösen Unterweisung geklagt? Ist nicht immer wieder Hand
angelegt worden zur Pflege und Besserung gerade dieses Unterrichtsgegenstandes,
den man vor allen hochschätzt?
Freilich, aber vorwiegend mar es Flickwerk, bald hier, bald da; an den
Grund des Übels legte man die Hand nicht, sah ihn kaum oder wollte ihn
nicht sehen. Schon vor siebzig Jahren hat der Seminardirektor Zahn für die
religiöse Jugendunterweisung ein Ideal aufgestellt, das, so gewiß es auf dieser

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