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Zur Geschichte der Schul
wesens. ❖ Biographien.
Korrespondenzen.
II. Abteilung.
L 9
Lehrproben.
Erfahrungen aus dem
Schul- und Lehrerleben.
Einige wichtigere Fragen zur Würdigung des
Problems der Willensfreiheit. )
Von Dr. G. von Rohden, Düsseldorf.
1. Indeterminismus oder Determinismus?
Man macht es sich bei der Erörterung des großen Problems der Willens
freiheit zu bequem, wenn man nur mit den alten Schlagworten von Indeter
minismus und Determinismus operiert. Jedenfalls dann führen diese berühmten
Kennworte in die Irre, wenn man sie in ihrer alten, aus einer vergangenen
Geistesepoche stammenden Bedeutung nimmt, wonach der Indeterminismus eine
idealistische, der Determinismus eine materialistische Weltanschauung vertrat und
kennzeichnete. Der Indeterminismus wird in diesem früheren Sinne, als Be
hauptung der absoluten Unbestimmtheit und Unbestimmbarkeit des Willens oder
des liberum arbitrium indifferentiae oder Zufalls überhaupt kaum noch von
einem ernst zu nehmenden Denker vertreten, und der Determinismus hatte von
vornherein durchaus nicht den ihm mit Vorliebe zugeschriebenen Sinn, als sollte
damit die durchgängige Abhängigkeit und Bestimmtheit des Willens durch
äußere Einwirkungen bezeichnet werden. Selbst Spinoza, der die Seele zu
einem geistigen Automaten (automaton spirituale) machen will und die schlecht-
hinige Determiniertheit jedes Willensaktes mit Nachdruck behauptet, vertritt durch
aus nicht jenen rohen Materialismus des Unterworfenseins des Willens unter
äußere Einflüsse, sondern sagt: „Insofern der Mensch allein nach den Gesetzen
seines Wesens handelt, handelt er mit vollkommener Freiheit." Er stellt eben
auch das innere Wesen des Menschen in den strengsten Mechanismus des Welt-
Kausalzusammenhanges hinein. Herbart hat diesen fatalistischen Determinismus
auf das entschiedenste bekämpft und ihm eine ethische Wendung gegeben, aber von
dem Determinismus als solchem, nämlich als Anerkennung des Kausalgedankens
auch für das geistige Geschehen, hat er sich damit nicht lossagen wollen. Er
zeigt vielmehr, worauf es ankomme, sei dies, daß man das Wollen wirklich als
des Menschen eigenes Wollen und nicht als etwas „Fremdes" be
betrachte, „was durch ihn wie durch einen Kanal hindurchgegossen werde." Es
ist durchaus nicht so, wie es dem Determinismus immer wieder untergeschoben
wird, daß er die Handlungen des Menschen zu bloßen „Geschehnissen in
ihm" herabsetze; vielmehr bleiben sie auch mit Zugrundelegung des strengen
Kausalbegriffs seine eigenen Taten. Der Mensch wird durch die Annahme des
Determinismus nicht notwendig passiv, sondern bleibt nach Herbart unmittelbar
aktiv, „bestimmt unmittelbar wirklich sich selbst."
0 Diese Ausführungen bilden keineswegs einen bloßen Auszug aus meiner
größeren Abhandlung für die Weihnachts-Herbart-Versammlung, sondern stellen eine
ganz selbständige, jene mehrfach ergänzende Arbeit dar, wollen aber auch an ihrem
Teile eine ersprießliche Besprechung des wichtigen Gegenstandes vorbereiten helfen.

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