Wichtige Fragen zur Würdigung des Problems der Willensfreiheit 503
Nach Kant und Hkrbart, sowie den spekulativen Philosophen des Idealis
mus ist ja nun wieder eine starke materialistische Welle über das höhere Geistes
leben hinweggegangen und hat in der Verquickung mit dem Darwinismus die
Anwendung des Kausalbegrisfs auf den Zusammenhang des geistigen Geschehens
in der Menschheit in bindendster Weise durchzuführen gesucht. Das Ergebnis
war die völlige Entwertung oder Auflösung des Freiheitsgedankens oder die Hin
stellung der Willensfreiheit als „Illusion". Alles hängt so bestimmt und nach
weisbar nach dem Gesetz von Ursache und Wirkung an- und ineinander, daß
jede Annahme von spontanem Wirken, von Willensfreiheit, a priori unmöglich
gemacht wird. Was man Freiheit nennt, ist nur ein schönes Wort, ein bloßer
Schein, mit dem der folgerichtige und wahrheitsliebende Denker ernstlichst aus
räumen muß. — Aber auch diese materialistische Welle ist vorübergegangen, und
der so gründlich tot gesagte Indeterminismus erhebt aufs neue sein Haupt. Und
bemerkenswert dabei ist nun dies, daß auch die Verfechter des strengen Kausalitäts
begriffs, die um der Konsequenz und Wahrhaftigkeit des Denkens willen nach wie
vor sich gegen jedes Wiederaufleben der Willensfreiheitsidee meinen sträuben zu
müßen, doch dem nun einmal maßgebenden Kausalitätsgedanken eine solche Wen
dung geben, daß die materialistische Vorstellung völlig entwurzelt wird. Wundt
und seine Schüler zeigen nämlich, wie falsch es sowohl vom erkenntnistheoretischen
wie vom psychologischen Standpunkt aus ist, wenn manche, zumal die Natur-
wisienschaftler und Psychiater immer noch meinten, das geistige Geschehen nur
dann „erklärt" zu haben, wenn es auf materielle Phänomene zurückgeführt sei.
Vielniehr ist festzustellen, daß physische und psychische Kausalität sich wesentlich
voneinander unterscheiden. In dem mechanischen Kausalbegriffe nämlich ist die Äqui
Valenz von Ursache und Wirkung mit enthalten, mährend auf psychischem Gebiet
dazu das „Prinzip wachsender geistiger Energie" gilt, d. h. „die Erfolge der
Willenshaudlungen sind zwar stets durch bestimmte psychische Ursachen deierminiert,
aber nicht schon in diesen Ursachen enthalten," oder „der entstehende Effekt ist ... .
ein spezifisch neues, in den Elementen vorbereitetes, aber nicht vorgebildetes Er
zeugnis" (Wundt, Ethik II, 72). „Daraus ergibt sich: auf physischem Gebiete
lassen sich die Ereignisse unter Umständen mit Sicherheit voraussagen, auf psy
chischem ist dagegen ,eine einigermaßen zureichende Kausalerklärung immer nur in
rückläufiger Richtung möglich^". Es ist also mit der Anwendung der Kausalitäts
kategorie auf die geistigen Vorgänge keineswegs deren Einreihung in den
Mechanismus des eigentlichen Naturzusammenhanges gegeben, der allerdings, wie
Kant schon hervorhob, die Möglichkeit an die Hand gäbe, bei Kenntnis aller
beeinflussenden Umstände die Taten jedes Menschen genau vorauszuberechnen wie
eine Sonnenfinsternis. Ebendahin gehört auch — um dies für uns Lehrer
besonders interessante Moment hier beiläufig zu berühren, die landläufige Legende,
daß die Herbartischen Deterministen an eine „Allmacht der Erziehung"
glaubten oder wenigstens konsequenterweise glauben müßten, worüber ich mich
seiner Zeit — vor 17 Jahren — in dieser Zeitschrift mit Dr. Schwartzkopf
und P. Schröder herumgestritten habe.
Aber, sagt der neueste entschiedene Determinist und Freiheitleugner, den ich
soeben zitierte, „man verwechselt gewöhnlich diese Unmöglichkeit, Ereigniffe voraus
zusehen. mit dem Fehlen einer Verursachung der Ereignisse." Daraus aber.
daß niemand vorauszusehen vermag, wie die geistige Kausalität im
einzelnen Falle sich gestalten wird, folgt doch durchaus nicht, daß eine solche

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