504 n. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc.
überhaupt nicht anzunehmen sei. Genug, „die Deterministen erschweren sich durch
ihre der Natur der Sache nach nutzlosen Versuche, mit dem naturalistischen
Kausalbegrisf auszukommen, ihre Stellung; denn die Gegner konnten, solange
dieser als der allein richtige galt, nicht ohne Grund darauf Hinweisen, daß ihnen
die Tatsachen des Geisteslebens sich zweifellos nicht fügen/")
Unverkennbar biegt der Determinismus durch derartige Aufstellungen von
einer doppelten Kausalität in Bahnen ein, auf denen er sich mit einem besonnenen
Indeterminismus begegnen muß. Denn wenn tatsächlich, wie der genannte Dr.
Mohr meint, die Kausalitätskategorie schließlich nichts anders enthält und be
deutet ,,als die Anwendung des logischen Postulats eines widerspruchslosen Zu
sammenhanges auf alle möglichen Bewußtseinstatsachen", so wird es wenige Jn-
deterministen geben, die einer solchen Anwendung des Kausalitätsbegriffs auf
das geistige Geschehen widersprechen möchten. Denn auch der Indeterminismus
hat im Lauf der Geschichte des menschlichen Denkens hinzugelernt und will sich
nicht länger auf den Vorwurf festnageln lasten, daß er die Ursachlosigkeit
der Wallungen und Handlungen lehre. Zu jedem Geschehen, sagt er etwa, muß
natürlich auch eine Ursache hinzugedacht werden können, aber warum sollte denn
nicht „das Vermögen, sich frei zu entscheiden, eine genügende Ursache sein"? Ob
diese Fassung genügt, steht ja dahin; jedenfalls aber scheint mit dieser Wendung
in der Tat der Begriff einer zwar nicht naturalistischen, sondern geistigen Ver
ursachung, also immerhin der Kausalitätsgedanke in den Indeterminismus ein
geführt zu sein.
2. Gesetzmäßigkeit oder Notwendigkeit des geistigen
Geschehens?
Haben wir bisher gezeigt, wie sehr sich beide entgegengesetzte Anschauungen
im Laufe der Gedankenentwickelung genähert haben und auf einer gewissen Mittel
linie zusammenzukommen scheinen, so muß nun doch auch die Kehrseite der
Sache hervorgehoben werden. Bringt man den Unterschied beider Auffassungen
auf den schärfsten Ausdruck, so kann man nach Schopenhauer definieren, die eine,
die indeterministische Ansicht nehme an, daß dem Menschen ,,unter gegebenen ganz
individuell und durchgängig bestimmten äußeren Umständen zwei einander diametral
entgegengesetzte Handlungen gleich möglich" seien, während nach der anderen, der
deterministischen Ansicht „die inneren und äußeren Willenshandlungen das absolut
notwendige Resultat aus dem Charakter und den Motiven der Menschen" sind;
„jede, auch die unscheinbarste psychische Tatsache ist in einen strengen Kausal
zusammenhang eingereiht". Danach ist der Fatalismus nur eine möglichst schroffe
Form des Determinismus, „aber nichts prinzipiell davon Verschiedenes." (Dr.
Mohr a. a. O. 733).
Erstere Annahme, daß bei jeder Willensentscheidung zwei entgegengesetzte
Handlungen gleich möglich seien, bezeichnet allerdings den reinen Indeterminis
mus. d. h. die völlige Unbestimmtheit und Unbestimmbarkeit des Willens durch
Motive. Die Motive veranlassen wohl die Willensentscheidung, aber verursachen,
bestimmen sie nicht, heißt es da. Streiten sich zwei entgegengesetzte Motive um
0 Dr. Mohr, Willensfreiheit und Psychopathologie in der Monatsschrift für
Kriminalpsychologie der Strasiechtsreform 1904, S. 733 ff. Siehe das Nähere in
meiner Abhandlung für den Herbartverein.

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