Wichtige Fragen zur Würdigung des Problems der Willensfreiheit. 505
die maßgebende Geltung, so werden sie von dem souveränen Willen in das
Nichts ihrer grundsätzlichen Einflußlosigkeit zurückverwiesen. Der Wille ent
scheidet ganz allein, unabhängig von den Motiven, kraft eigener Machtvoll
kommenheit. Die beiden entgegengesetzten Motive sind also für ihn gleich giltig;
überhaupt sind alle beratenden Motive für das aulokratische Willensvermögen belanglos,
indifferent. Das ist eben jenes berühmte liberum arbitrium indifferentiae,
dessen Eigentümlichkeit es ist, daß ein Grund der Entscheidung nicht nach
gewiesen werden kann, nicht vorhanden ist. Ohne Grund, ohne Regel, ohne
Zusammenhang wird entschieden, willkürlich gewählt. Diesem unbeschränkten
Willen sind also zwei entgegengesetzte Handlungen gleich möglich; es wird ihm
ein unbedingtes ,,Auchanderskönnen, ein Zuallemfähigsein" zugeschrieben. Ist
aber die Entscheidung schlechthin grundlos, so ist sie eben Sache des Zufalls.
Nun wird allerdings, wie schon erwähnt, dieser reine Indeterminismus des
Zufalls kaum noch von irgend einem angesehenen Denker aufrecht erhalten, ob
wohl noch Lotze sehr stark dahin neigende Behauptungen aufstellt. Aber so
ganz schnell darf man über diese z. B. von einem Cartesius so energisch ver
fochtene Anschauung nicht zur Tagesordnung übergehen. Denn es gibt wirklich
ein liberum arbitrium indifferentiae, vollkommen gleichgiltige Handlungen, bei
denen die Willensentscheidung taisächlich und mit gutem Gewissen nicht motiviert,
sondern dem Zufall anheim gegeben wird. Es gibt auch Menschen, die gerne
nach Laune und Willkür leben und sich an keine vernünftigen Gründe und feste
Regeln binden mögen. Niemand aber wird diese Form des Freiheitöbegriffs für
einen Borzug und Beweis der Stärke und Würde der menschlichen Willensfrei
heit ausgeben. „Das liberum arbitrium indifferentiae", sagt der neueste
Vertreter des Indeterminismus, *) „stellt die niedrigste Form des Freiheitsbegriffs
dar, die keinen höheren Inhalt desselben kennt, als die Willkür, das absolute
Belieben."
Eine deduktiv-dogmatische Betrachtungsweise wird noch des langen und
breiten über die Möglichkeit oder Unmöglichkeit des unmotivierten Wählens und
Handels hin und her disputieren; die umsichtig aufbauende Erforschung des
Seelenlebens selbst hat uns doch mit innerer Notwendigkeit über jene altbeliebten
scholastischen Streitfragen, bei denen Buridans Esel eine so große Rolle spielte,
hinausgeführt und mit dem Nachweis der Entstehung der Willensvorgänge der
naiven Annahme eines selbständigen Willens Vermögens den Boden ent
zogen. Mit dieser Annahme steht und fällt nämlich der alte reine Indeterminis
mus. Keine noch so tiefsinnige logisch-metaphysische Erörterung über die Not
wendigkeit, den Kausalitätsbegriff auf alles Geschehen anzuwenden oder die Mög
lichkeit, ihn nicht anzuwenden, konnte für die Position des Indeterminismus so
entscheidend sein wie der Fortschritt der psychologischen Forschung. Diese hat es,
den Spuren Herbarts folgend, zur Evidenz gebracht, daß alles Wählen und
Wollen nicht aus einem gesonderten Seelenvermögen beruht, sonder« auf dem nach
bestimmten geistigen Gesetzen sich vollziehenden Spiel der Vorstellungen und
Gefühle. Dabei macht es nichts aus, ob man als das Primäre die Vorstellungen
ansieht oder die in Wallungen sich auswirkenden Gefühle. Sicher ist nur. daß
es keine eigenständigen, nebeneinander bestehenden Seelenvermögen des Vorstellens,
Fühlens und Wollens gibt, daß man also die Betätigungen des Willens nicht
') v. Rohland, Die Willensfreiheit und ihre Gegner. S 170.

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