506 II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc.
vereinzeln, von den übrigen Vorgängen des Seelenlebens isolieren kann, daß ein
unlöslicher Zusammenhang und Wechselwirkung zwischen den verschiedenen Evo
lutionen der Psyche besteht. Und mit dieser Erkenntnis ist die alte Ansicht von
einer über den Motiven der Vorstellungen und Gefühle frei schwebenden, souve
ränen Willenskraft, also eben die psychologische Grundlage des Indeterminismus
endgiltig zerstört. Ein Wählen und Wollen ist ohne seine Motive nicht denkbar.
Mit dieser psychologischen Einsicht ist denn auch über die Frage der G e-
setzmäßigkeit oder der Willkür entschieden. Soll nicht der absolute Zufall
regieren, so muß man dem Seelenleben wie allem Geschehen seine immanente
Gesetzmäßigkeit zuschreiben. Bei der vollendeten Regellosigkeit hört eben jedes
vernünftige Denken auf. Das bat auch der neuere Indeterminismus gelernt und
anerkannt. Er gibt mit seinem schon genannten jüngsten Vertreter unumwunden
zu, daß ,,die menschliche Freiheit nicht etwa eine gesetzlose" sei, sondern ,,unter
dem alles beherrschenden Zeichen der Gesetzmäßigkeit" stehe. Aber es gibt, sagt
er weiter, zweierlei Art von Gesetzmäßigkeit, eine kausal bestimmte, in der der
ganze Weltprozeß mit mechanischer Notwendigkeit gemäß den ihm zu Grunde
liegenden Stoffen und Kräften unwiderstehlich abläuft, und eine durch Zwecke
bestimmte Gesetzmäßigkeit. Unser geistiges Leben ist doch nicht ein bloßes Natur
produkt, eingespannt in einen „überall blinden und notwendigen Wirbel von
Ereignissen" (Lotze). sondern es wird auch beeinflußt und bestimmt durch Zwecke.
Es wird nicht bloß bewirkt und geschoben, sondern es strebt auch selbständig
seinen vorgestellten Zielen entgegen.
Auf diese Weise sucht sich der Indeterminismus eine neue haltbare Denk-
posilion zu schaffen. Er will sich nicht in Widerspruch zu den Denkgesetzen bringen
und statuiert auch für die von ihm behauptete Willensfreiheit eine sie regulierende
Gesetzmäßigkeit. Diese Gesetzmäßigkeit ist aber von der lediglich am Kausal
begriff orientierten, für alles naturhafte Geschehen unverbrüchlich geltenden
mechanischen 'Notwendigkeit scharf zu unterscheiden. Wir müssen uns aber
darauf besinnen, daß es noch eine andere Wirklichkeit gibt als die naturhafte, und
wir Menschen noch eine andere Art in uns tragen, als die aus der Natur
stammende. „Gibt es nur eine Wirklichkeit der Natur, und ist der Mensch ein
bloßes Naturwesen", sagt Rudolf Eucken, „so ist allerdings für Willensfreiheit
in irgend welchem Sinne kein Platz mehr; darüber brauchen sich alle, die aus
gegebenen Prämissen einen Schluß zu ziehen vermögen, nicht erst von den Deter
ministen belehren zu lassen; die Behauptung der Willensfreiheit wird, in dieses
Naturbild hineingestellt, völlig unsinnig."
Will nun Eucken dennoch mit aller Entschiedenheit die Willensfreiheit be
hauptet wissen, und erklärt er dabei doch auch, daß die Lehre von dem grund
losen Belieben im Tun und Lassen in Wahrheit allen Boden verloren habe, so
ergibt sich, daß das an die Spitze dieses Abschnittes gesetzte Dilemma Dr. Mohrs
die Streitpunkte gegenwärtig nicht mehr trifft. Denn der Indeterminismus ver
steift sich eben nicht mehr auf das liberum arbitrium indifferentiae, er leugnet
nicht die Kausalität auf dem Gebiete des Willens. Ob er dann noch als kon
sequenter Indeterminismus anzusprechen ist, ist ja eine Sache für sich. Was er
behauptet, ist nur, daß das Wollen der schlechthinigen Notwendigkeit dem absoluten
Verursachlsein durch alles Vorangegangene nicht durchaus unterworfen ist?) Und
') „Es ist falsch, wenn ohne weiteres vorausgesetzt wird, daß alles, wofür ein zu
reichender Grund vorhanden ist, deshalb notwendig fei" (Graue, Selbstbewußtsein

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.