510 II. Abteilung: Zur Geschichte des Schulwesens rc.
scheint mir, daß der hier angedeutete religiöse Determinismus die Anschauung be
zeichnet, nach der unsere großen religiösen Denker Paulus und Augustin, Luther
und Calvin ihre Vorstellung von Willensfreiheit regulierten — ein sittlich-religiöser
Determinismus, der ja deswegen noch nicht Prädestination und Fatalismus zu
sein braucht.
Ist in dem Menschen und der Menschheit einmal der „Anstoß zu einer
ewigen Bewegung" wirksam geworden, wird das „Trachten nach dem
Reiche Gottes und seiner Gerechtigkeit" lebendig und stark, so ent
faltet der Einzelne und die Gesamtheit eben dadurch den Keim ihres innersten
Wesens und ihrer eigentlichen Menschlichkeit, daß sie in ihrem Sinnen, Fühlen,
Wollen sich um Gott drehen. Sowenig aber die Bewegung der Planeten um
die Sonne ihre selbständige Eigenbewegung, die Drehung um die eigene Ape auf
hebt, vielmehr die eine durch die andere bedingt wird, ebensowenig erleidet die
sittliche Eigenart und Selbständigkeit des Menschen durch die schlechthinige Ab
hängigkeit von Gott irgendwelche Einbuße. Im Gegenteil, es gibt keine packen
deren Darstellungen sittlicher Freiheit und innerer Unabhängigkeit, als wie sie in
dem Leben Jesu und darnach in Pauli und Luthers Leben in seiner besten Zeit
uns vor Augen stehen. Auch Jesus identifiziert sich so nicht ohne weiteres in
seiner sittlichen Selbstdarstellung mit Gott, sondern deutet vielmehr die Möglich
keit jener Spannung zwischen dem eigenen Willen und Gottes Willen in dem
schweren Gebetskampf von Gethsemane ergreifend an. Wir haben es da also
durchaus nicht mit einem bloß naturhaften Erleben und Erleiden des göttlichen
Willens im pantheistischen Sinne zu tun, vielmehr geht es durch die beständige Aktivi
tät der sittlichen Selbstbehauptung, des Kampfes, der Selbstüberwindung hindurch.
Auch Jesus mußte den vollkommenen Gehorsam „lernen".
Dieser königliche Weg der Selbständigkeit hat aber kein anderes Ziel als
die immer ausschließendere Übereinstimmung mit Gott. Die sittliche Selbst
behauptung verläuft normalerweise nicht in den Zuständen und Aktionen der
Spannung dem göttlichen Willen gegenüber, sondern der Erhebung über die
umklammernde Welt des Widergöttlichen. Sittliche Selbständigkeit und unbe
dingte Abhängigkeit von Gott verschmelzen so sehr ineinander, daß die religiöse
Anschauung jede sittliche Betätigung als ein Wirken des Gottesgeistes selbst, alle
Tugenden als „Frucht des Geistes" ansieht. So sehr wir in eigener Freiheit
und Verantwortlichkeit uns um unsere Seligkeit zu bemühen haben „mit Furcht
und Zittern", so ist andererseits es doch Gott, „der in uns wirket beides, das
Wollen und das Vollbringen'. Alle Freiheit der sittlichen Wesen soll schließlich
in Gott untertauchen, „auf daß Gott sei alles in allen".

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