516 II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc.
freihkit jeder Familie, sofern sie eben sittliche Grundsätze anerkennt, auch wirklich
prinzipiell zu garantieren, wies er jegliche Bevormundung und jegliche Majori-
tätsentscheidung, wodurch immer eine etwaige Minderheit vergewaltigt wird, ab,
mochte solche nun beansprucht werden, von wem sie wollte. — Doch noch ein
Zweites ergab sich für Dörpfeld aus dieser Wertung der Schularbeit. Ist
nämlich deren wichtigste und wesentlichste Aufgabe, die Erziehung von charakter
festen Persönlichkeiten zu fördern, die ihre erlangten Fertigkeiten und Kenntnisse
oder die erworbenen Kulturgüter und die geistige Schulung im Dienste des
Guten, Wahren und Schönen anzuwenden gewillt sind, so muß es naturgemäß
ihre vornehmste Sorge sein, die nächste und innigste Fühlung mit dem Kreise zu
suchen, dessen Hauptaufgabe auch die Erziehung der Jugend ist, weil sie eben
als ein durchaus naturgemäßes Anliegen sich aus seinem Wesen ergibt. Einen
solchen Kreis stellt aber nur die Familie dar; der Staat sowohl als auch die
bürgerliche Ortsgemeinde und die Kirche betrachten, wie sich aus den Verhand
lungen ihrer Vertretungskörperschaften unzweideutig ersehen läßt, ganz andere
Obliegenheiten, als die wesentlichste Seite ihrer Tätigkeit, diese Tatsache, daß
Dörpfeld durch eine eingehende Untersuchung über die NlltUp der verschiedenen
Lebensgemeinschaften, also durch die Natur der Dinge sich gedrungen fühlte,
der Familie die nächste, innigste und stärkste Beziehung zur Schule zuzuerkennen,
bleibt indes in der Bearbeitung des Herrn Pretzel gänzlich verhüllt.
Aber trotz seiner so hohen Wertung der Familie für das Gedeihen des
Schulwesens hat doch Dörpfeld es niemals lediglich dem Familienverbande vorbe
halten, „die äußere und innere Gestaltung der Schule zu bestimmen." Dörpfeld
bat niemals eine Familienschule erstrebt, sondern hat stets für eine im vollen
Sinne des Wortes öffentliche Schule gekämpft, die dem ganzen Volksleben
Genüge zu leisten, und daher mit allen eigentümlichen Volkskreisen in Beziehung
zu stehen hat. Darum steht nach seinen Darlegungen die Bestimmung über die
äußere und innere Gestaltung der Schule nicht nur dem Familienverbande, son
dern einer korporativen Vertretung sämtlicher am Schulwesen interessier'en Kreise
zu, in der neben Staat, Kirche, Kommune usw. die Familie NM' mitbestim
mend wirkt an der Festsetzung der Schulverfaffung und Schuleinrichtung, der
Schulordnung, des Lehrplans und Stundenplans usw.
Aus dem zuletzt dargelegten ist auch schon leicht ersichtlich, daß im 4. Satze
wiederum eine häßliche Entstellung des wahren Sachverhalts vorliegt, wenn dort
behauptet wird, Dörvfeld räume Staat und Kirche nur deshalb das Recht der
Mitwirkung ein, „weil sie doch nicht ganz beiseite geschoben werden könne."
Dörpfeld räumt ihnen nicht nur widerwillig oder gezwungen ein Mitwirkungs
recht bei der Schulverwaltung ein, sondern er beansprucht für sie in längeren
sozialpädagogischen Ausführungen mit vollem Bewußtsein der Tragweite seiner
Forderungen ein wirkliches, vollgültiges Jnteressentenrecht neben der Familie,
einmal, weil sie der Schule das zur unterrichtlichen Behandlung nötige Kultur
material liefern, die Schule also ihrer bedarf, und zum andern, weil ihr eigenes
Gedeihen in beträchtlichem Maße bedingt ist von dem Umfang und der Tiefe,
in denen ihre Kulturgüter durch die Schule der nachfolgenden Generation über
mittelt werden, weil sie also andererseits auch der Schule bedürfen. Sagt er
doch ausdrücklich auf Seite 83 der freien Schulgemeinde: „Die Mahre Schul
genossenschaft (Schulgemeinde) wird sich dadurch legitimieren müssen, daß sie die
partialen Erziehungsbestrebungen der Familie, der niederen und höheren Schule,

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