Die Schulverfassungsanschauungen Dörpfelds.
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Familiensache ansah, sondern als eine Angelegenheit, die für das ganze Volks
leben in allen seinen Strömungen von Bedeutung sei.
4. Es ist falsch, daß Dörpfeld dem Staate und der Kirche nur gezwungen
ein Mitwirkungsrecht im Schulwesen einräumt, sondern er erkennt beide Insti
tutionen als vollwichtige und vollwertige Schulinterestenten an und fordert darum
auch aus moralischen Gründen für beide ein vollgültiges Jnterestentenrecht zur
Vertretung ihrer Anliegen.
5. Es ist falsch, daß Dörpfeld allgemein die Errichtung von konfessionellen
Schulen fordert; er fordert überhaupt keine bestimmte Schulform, denn obschon
er infolge seiner tiefeindringenden Untersuchungen aus pädagogischen, nationalen
und kulturellen Gründen die konfessionelle Schule für weit zweckmäßiger und
wünschenswerter hielt als die simultane Schule und sie daher mit aller Ent
schiedenheit befürwortete, und obgleich er für die Pädagogik das erste Wort in
allen Schulangelegenheiten forderte, so nötigte ihn doch die Achtung vor der Ge
wissensfreiheit, die entscheidende Stimme über den religiösen oder sittlichen
Charakter der Schule allein den Eltern vorzubehalten, weil es sich eben um die
Verfügung über ihr Eigentum handelt.
6. Es ist falsch, daß Dörpfeld die Errichtung von konfessionellen Schulen
als eine logische Konsequenz des Familien- oder Schulgemeindeprinzips hingestellt
hat, sondern die Verfechtung des Familienprinzips führte ihn nur zur Forderung
der geivistens- oder erziehungseinigen Schulgemeinde, da eine Einigung über die
für die Schularbeit maßgebenden Grundsätze, möge sie nun leicht oder schwierig
zu beschaffen sein, aus pädagogischen Rücksichten sowohl für die konfessionelle als
auch für die simultane Schule unbedingt erforderlich ist. — Der auf diese völlig
unzutreffende Darstellung aufgebaute Vorwurf, Dörpfeld bekunde hier einen leicht
ersichtlichen Mangel an Logik, ist daher als durchaus ungerechtfertigt mit aller
Entschiedenheit zurückzuweisen.
Wenn wir uns nun der Frage zuwenden, welches Moment denn diese
völlig ungenügende Darstellung und die daraus entspringende schwere Schädigung
der Dörpfeldschen Schulverfastungsidee wohl verschuldet habe, so sei kurz darauf
hingewiesen, daß zwei nachher eingetretene Umstände den Verdacht einer absichtlichen
Verdrehung und Entstellung nahe legen. Am 13. Juni d. I. nämlich habe
ich den Verfasser brieflich auf die oben dargelegte Sachlage aufmerksam gemacht,
und als dieser Hinweis ohne jegliche Rückäußerung blieb, reichte ich am 23. Aug.
der „Päd. Zeitung", dem Organ des deutschen Lehrervereins, eine berichtigende
Darstellung des wirklichen Sachverhalts ein, erhielt sie aber mit dem Bescheide
zurück: „Von dem Abdruck Ihrer Zuschrift möchte ich absehen, weil ich nicht
glaube, daß die Diskussion der Sache, um die es sich im Vereinsthema handelt,
durch Ihre Ausführungen gefördert wird." — Obwohl also beide Stellen darüber
unterrichtet sind, daß ihre Darstellung, soweit sie sich auf die Schulverfassungs
anschauungen Dörpfelds bezieht, in allen wesentlichen Stücken objektiv falsch ist,
halten sie doch ihre irreführende Äußerung, die allerdings zur Förderung der
simultanschulfreundlichen Auffassung recht zweckdienlich erscheinen mag, ohne Ein
schränkung aufrecht. Wenn sie es aber nicht als eine Gewissenspflicht empfinden,
um der Wahrheit willen eine Berichtigung der von ihnen in so weitem Umfange
verbreiteten offenkundigen Unwahrheiten vorzunehmen und den durch ihr Verhalten
geschädigten Leumund Dötpfelds wieder herzustellen, so wird es ihnen recht schwer
werden, sich gegen den Verdacht zu rechtfertigen, daß dann auch die vielfachen

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