52 HI. Abteilung. Literarischer Wegweiser.
zu sprechen, eine Aufmerksamkeit, die es unangemessen erscheinen läßt, mit einem Satz
daran vorüberzugehen.
Zunächst berührt die Aufrichtigkeit der Verfasser angenehm; sie kämpfen für die
moderne Welt- und Religionsanschauung mit offenem Visier; da wird nichts verhüllt
und vertuscht oder in zweideutigem Halbdunkel gelassen. Ganz offen reden sie sofort
im Vorwort den Leser an: „Vieles, was dem Leser bisher selbstverständlich erschien,
wird (dabei) zweifelhaft werden, manches, woran sein Herz hängt, wird fallen; aber
dafür wird er sehr vieles gewinnen, was ihm unbekannt war; vor allem wird das
Wesentliche und Ewige in diesen Schriften deutlich werden, nachdem wir das Zeitliche
und Unwesentliche als solches erkannt haben. Danach versteht es sich von selbst,
daß das Werk sich nicht an solche Leser wendet, denen die von Kind
heit an ihnen liebgewordene Auffassung derBibel und die herrschende
kirchliche Lehre genügt. Wer in seinem religiösen Leben ruhig und ohne Zweifel
ist, wer nicht das Bedürfnis nach Aufklärung und Vertiefung empfindet, für den ist es
nicht geschrieben und wir wünschen nicht, ihn zu beunruhigen und in
Zweifel zu stürzen. Wir denken vielmehr an die ungezählte Menge derer, die an
ihrem Kinderglauben mehr oder weniger irre geworden sind, auf die die moderne
Kultur einströmt, 1000 Fragen und Zweifel weckend. Wir wollen denen helfen, die
den Boden zu verlieren beginnen oder ihn schon verloren haben, indem wir„durch offene
Mitteilung des Tatbestandes ihre Zweifel und Unklarheit in Wissen und Überzeugung
zu verwandeln suchen. Besonders denken wir auch an die vielen unter unfern Gebil
deten, die sich reif und wissend genug dünken, um dem Christentum den Abschied zu
geben, und die doch nur ein undeutliches oder gar verzerrtes Bild von ihm haben.
Wir bitten sie; lernt erst gründlich kennen, was ihr verwerft!"
Als Motto setzen die Verfasser das Goethewort an die Spitze: „Ich bin überzeugt,
daß die Bibel immer schöner wird, je mehr man sie versteht, d. h. je mehr man einsieht
und anschaut, daß jedes Wort, das wir allgemein auffassen und im besonderen auf
uns anwenden, nach gewissen Umständen, nach Zeit- und Ortsverhältnissen einen eigenen
besondern, unmittelbar individuellen Bezug gehabt hat." „ Dies erläutert Prof. O.
Baumgarten in der ersten einleitenden Abhandlung. „Über den praktischen
Wert einer geschichtlichen Auslegung d es Neuen Testaments abschließend
folgendermaßen: Die historisch-kritische Behandlung der Bibel „ersetzt die abgeblaßten,
versteinerten, dogmatisch gewordenen Vorstellungen, die wir mit gewissen biblischen
Ausdrücken verbinden, durch lebendige Veranschaulichungen des starken, persönlichen,
individuellen Lebens, das durch sie hindurchflutet. So verliert sich der alles wirkliche
Leben in der Schrift lähmende Eindruck des Fremdartigen, Unverständlichen, über der
Wirklichkeit Schwebenden, und cs entsteht — das dürfen wir als das aufrichtig erstrebte
letzte Ziel unsrer Arbeit bezeugen — ein neues, freudiges, freies Suchen in der Schrift,
von der wir glauben, daß auch unser heutiges Geschlecht darin das wahre Leben findet,
weil sie zeuget von dem, der die Wirklichkeit Gottes in sich trug."
Hieran schließt sich die zweite größere Abhandlung von Prof. Adolf Jülich er.
„Die Geschichte des Neuen Testaments," vom Standpunkt der geschichtlichen
Betrachtung ein kleines Kabinettstück, in meisterhafter Darstellung dem Laien auf 22
Seiten alles Wesentliche dieses vermittelten historischen Prozesses der Entstehung des
Kanons vermittelnd, bis zum Ende sein reges Interesse an diesem Werdegange weckend
und fesselnd. Sein Ergebnis ist: „Die fundamentalen Gedanken der neuen Religion
original und kraftvoll, verständlich für alle Zeiten darzustellen, was doch Jdealaufgabe
des Neuen Testaments war, ist das Bündel von 22 Büchern, das wir jetzt Neues
Testament nennen, wunderbar geeignet, und die Kirche hat sich in dieser Schöpfung
dessen, woraus doch auch wieder sie geschaffen worden ist und immer neu geschaffen
werden sollte, ein erhabenes Denkmal gesetzt."
Nicht minder hervorragend und anziehend ist die Einleitung von Prof. Joh.
Weiß in die Synoptiker, „die drei ältern Evangelien." Vergleiche ich das, was
ich vor 30 Jahren als Einleitungswissenschaft zu studieren hatte, mit diesen Aus
führungen von Jülicher und Weiß, so muß ich sagen, daß schon die Abgeklärtheil und
Durchsichtigkeit der jetzigen Darstellung dieser verzwickten Wissenschaft jedenfalls die oft
gehörte Ansicht widerlegt, daß man es bei der neutestamentlichen Kritik lediglich mit
einem Wirrsal sich ewig einander bekämpfender und sich gegenseitig stürzender Hypothesen
zu tun habe. Vor allem tritt in dieser Einleitung überall sofort das Wesentliche und
Ünterscheidende klar heran, worauf es diesen modernen Exegeten ankommt, ihre Auf

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