Ein Gedenktag.
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Mit Wehmut wurde auch der Mutter gedacht, der früh Vollendenten, die
in selbstlosester Hingabe des Hauses Sonne gewesen, die, selbst eine Mutter so-
vieler eigener Kinder, auch dieser Fremden mit liebendem Herzen sich annahm,
in Krankheiten mit eigener Hand sie pflegte und so manchen Heimwehsiechen
durch mütterlichen Zuspruch aufrichtete und erfreute, die durch die Kraft ihrer
Liebe es möglich machte, daß „es keine Anstalt neben der Familie, sondern
nur eine große Familie" gab.
Freudig und dankbaren Herzens wurden die Worte aufgenommen, die der
also Gefeierte darauf an die Versammlung richtete. Er verleugnete auch hier
nicht den Lehrer und Erzieher. Es war in dieser Hinsicht bezeichnend, daß
auch die früheren Mitarbeiter, die Lehrer der Anstalt, sich in diesem Kreise nicht
anders als die Schüler des Meisters wollten betrachtet sehen. Aus der ge
meinsamen Zucht und Lehre der Anstalt hatte das Leben die einzelnen nach
allen Richtungen der Welt- und Berufsauffassung auseinandergeführt, und wie
er, der Lehrer, aus seiner Stellung nie ein Hehl gemacht hatte, so hat sich auch
wohl nur selten einer seiner Schüler bemüht, sich ihm in unredlicher Weise an
zupassen; wußte doch jeder, daß er darum um keinen Deut besser wäre an
geschrieben gewesen. Nur ehrlich! Das war auch an diesem Abend die Mah
nung. Weil von dieser Seite nichts Trennendes und Erkältendes im Wege
stand, so konnte die gegenseitige Aussprache so offen und einfach sein. Der Ge
feierte wollte in seiner Ansprache nichts aus seinen Zuhörern machen, was sie
nicht waren, aber er scheute sich nicht, zu zeugen, nämlich, von dem, was ihm
als Christ und Erzieher, als Volkserzieher zumal, als das Wesen der Dinge
erschienen war, was ihm im Leben und im Beruf als Ideal vor der Seele
gestanden hatte.
Als Rationalist, so bekannte er von sich, war er durch das Mörser Se
minar gegangen, und wenn auch die aufrechte Frömmigkeit des verehrten Se
minardirektors Zahn für seine eigene Lebensgestaltung von großer Bedeutung
gewesen war, so hatte sich doch Kopf und Wille nicht unter die schlichte Wahr
heit des göttlichen Worts beugen können. Da wurde er durch Vermittelung des
Seminarlehrers Schürmann, der diesem Schüler wohl besonders zugetan war,
in das Haus Dörpfelds geführt; dieser stieß sich an der religiösen Stellung des
jungen Kollegen nicht im geringsten, sondern nahm ihn mit herzlicher Freund
lichkeit auf. Wenn der Redner bei dieser Gelegenheit von den christlichen und
menschlichen Tugenden dieses Mannes, insbesondere von seiner großen Selbst
losigkeit und Uneigennützigkeit Zeugnis ablegte, so will das in dem Munde
eines so sicheren Menschenkenners schon etwas sagen. Was indes am stärksten
auf die religiösen Anschauungen des jungen Lehrers einwirkte, das war nicht
die dialektisch scharfe und schwer besiegbare Art des Mannes, sondern die stille,
mehr durch Tun und Sein als durch Reden überzeugende Weise der Frau
Dörpfeld, die dem auf kindlich frommes Glauben und harmloses Vertrauen so
wenig angelegten Zweifler immer wieder mit ruhiger Zuversicht sagte: Das
werden Sie schon erfahren.
So gewann er die feste, in sich ruhende religiöse Überzeugung, die ihm
Leitung und Rückhalt gab in den Stürmen und Anfechtungen des Lebens, das
darum so vielfach und so stark bewegt war, weil eine unversiegbare Schaffens
freudigkeit uud das regste Interesse für jedes einzelne Glied seiner Umgebung

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