522 II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc.
wie für die Angelegenheiten des Gemeinlebens ihn immerfort auf neue Schwierig-
keiten und innere und äußere Konflikte hinführte.
Wer als Lehrer und Erzieher unter der Kleinarbeit des Berufs nicht zum
Handwerker werden will, wer ferner bei den mancherlei Anforderungen der Zeit
strömungen, bei den wechselnden Anschauungen sowohl der Fachwissenschaft als
auch der „maßgebenden Stellen" gewisse Tritte tun will, der muß, so zu sagen,
recht oft auf dem Höhenweg gehen, wo er die kleinen Dinge, die unmittelbaren
Aufgaben einmal mehr aus der Ferne sieht, wo sein Auge sich die Weitsichtigkeit
erhalten kann. Einen solchen Weg führte auch der Redner an diesem Abend
seine Zuhörer; er hielt diese Feierstunde wohl mit Recht für besonders geeignet,
vor diesem in der Grundstimmung des Herzens so einigen und doch sonst —
nach Weltanschauung und Berufsauffaffung — so verschieden gearteten Kreise
die Grundsätze zu vertreten, die ihm für sein eigenes Wirken in der Schule
Leitsterne gewesen waren, und von deren Befolgung er allein Gesundung und
Gedeihen des Schullebens erwartete. Auf zwei Punkte wies er hin. Die erste
Forderung lautete: Pflege das im Kinde vorhandene Interesse! Damit ging der
Redner hinaus über die sonst übliche Formulierung: Knüpfe an das vorhandene
Interesse an! Es nütze nichts, z. B. im Religionsunterricht bloß dogmatische
und historische Stoffe zu überliefern, man müsse vor allem in dem einzelnen
Kinde den Punkt treffen, wo ein wirkliches religiöses Bedürfnis vorhanden sei.
Wenn der Schüler dann erfahre, wie durch ein rechtes Verhältnis zu Gott
ihm wirklich geholfen werde, dann werde eine bleibende Frucht geschaffen. Zum
andern nehme die Schule keine Rücksicht auf die Miterzieher. Auf jedem Ge
biet menschlicher Arbeit, wo ein Zusammenwirken verschiedener Kräfte erforderlich
sei, z. B. beim Bau eines Hauses, werde auf das Ineinandergreifen der ver
schiedenen Tätigkeiten aufs genauste geachtet, weil jeder wisse, daß sonst nichts
Rechtes zustande komme; bloß die Schule scheine dieses Erfordernis nicht zu
kennen. Weder suche sie das Haus in rechter Weise zur Mitarbeit zu gewinnen,
noch frage sie nach den Einflüssen des öffentlichen Lebens und der Kirche auf
das Kind. Unbekümmert um die wirklichen Interessen und um die Miterzieher
bilde die Schule statt des wirklichen Kindes ein Normalschulkind, das
nach seinem Abgang von der Schule alles über Bord werfe. —
Von seiner Tätigkeit in Orsoy sagte der Redner, daß er in mehrfacher
Beziehung ein gebundener Mann gewesen sei; nach zwei Seiten hin habe er
sich vor allem gehemmt gesehen. Er habe stets mit der Behörde Schwierigkeiten
gehabt, weil diese die Ziele der Anstalt für zu hoch gehalten habe. Er habe
fremdsprachlichen Unterricht stets für ein notwendiges Stück der Lehrerbildung
gehalten, schon um der Förderung willen, die die Muttersprache dabei erfahre.
Auch seien die Ziele in der Mathematik — besonders die Buchstabenrechnung —
immer ein Stein des Anstoßes gewesen. (Nach beiden Richtungen hin hat ja
die Entwicklung der Lehrerbildung Wandel geschaffen und der Orsoyer Anstalts
leitung eine glänzende Genugtuung gegeben.) Ferner habe die Präparandenanstalt
keine berufliche Bildungsanstalt lediglich für zukünftige Lehrer sein sollen. Er
habe immer danach gestrebt, Lehrplan und Schulbetrieb so einzurichten, daß auch
die Söhne des mittleren Bürgerstandes, die Söhne der Kaufleute und bester ge
stellten Landwirte hier eine geeignete Stätte der Weiterbildung gefunden hätten.
Es tue den Lehrern nicht gut, wenn sie so früh aus dem Zusammenleben mit

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