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II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens.
ist der Hymnus an den Mond. — Wir werden in die nächtliche Landschaft
versetzt, die vom still webenden Mondlicht ein die Seele mit süßem Schauer er
füllendes Leben erhält. Der Mond ist dem Dichter der Herrscher der ruhenden
Flur. der sein mildes Zepter führt, bis der junge Tag erscheint und mit seinem
sieghaften Licht die Herrschaft an sich reißt. — Dieser Hymnus ist wie fast die ge
samte Greifsche Lyrik äußerst einfach in der Form, aber voll poetischer Feinheiten,
die allerdings nur gereiften Schülern zugänglich sind. Schon die Grundvorstellung
von dem Leben wirkenden Mondlicht ist der Jugend zu wenig faßbar.
Dagegen ist der bereits in ein Lesebuchs aufgenommene Gewitterhymnus
vom pädagogischen Standpunkt aus bei weitem vorzuziehen. Der Stoff bringt
es schon mit sich, daß der Dichter inhaltlich kräftigere, den jugendlichen Geist mehr
fesselnde Vorstellungen geben kann. Sie regen die Phantasietätigkeit intensiver
an, und ihre Gefühlswerte werden leichter apperzipiert. Leider verbietet es der
Raum. ihn hier in seinem Wortlaut zu bringen.
Auch dem Frühling, Sommer und Herbst hat der Dichter Hymnen gewidmet,
in denen er, wie in Brennpunkten, das Tiefste gesammelt hat, was die Natur in
ihrer Gesamtwirkung ihm in den betreffenden Jahreszeiten anvertraut hat.
Ebenso bedeutend wie in der Ode ist Greif im kleinen Naturbild.
Aber mag man immerhin bei der Betrachtung seiner Oden, auch seiner Lieder
und erzählenden Gedichte, an große Vorbilder erinnert werden, etwa an Goethe
und Uhland, beim Naturbild ist es anders, da hat er keinen Vorgänger, keinen
einzigen.
Und was ihm seine völlige Originalität verleiht, das ist die Fähigkeit, sein
seelisches Leben in dem Bild, das er vor uns ausbreitet, wie in einem Halbdunkel
zu zeigen, so daß man meist erst bei längerer Betrachtung immer deutlicher den
innersten und tiefsten Gehalt zu erschöpfen vermag. Was Greif nicht ausspricht,
nur ahnen läßt, so könnte man fast sagen, das ist nicht selten das eigentlich
Wirksame bei ihm.
Es ist, als ob er zögere, der Welt sein Innerstes zu offenbaren, und als
ob er es doch nicht lassen könnte, das dichterisch zu gestalten, was in der Stille
der Natur seine Seele bewegt hat.
Darum schlägt er die Stimmung meist nur leise an, die dann im Herzen
des Lesers bei längerer Betrachtung zu wunderbar reinen und vollen Akkorden
anschwillt.
Ein paar einfache Striche genügen ihm zu einem Bild, das oft so schlicht
und unscheinbar aussieht, als ob kein bedeutender Gehalt darin stecken könne; aber
man vertiefe sich erst hinein, man lese es zweimal, dreimal oder noch öfter —
dann wird der poetische Reichtum in seiner ganzen Schönheit hervortreten?)
Die Natur liegt vor dem Dichter in ewig junger Schönheit, und er versteht
ihre feinsten Regungen und fühlt ihren geheimsten Pulsschlag.
Die Menschen altern
Und wandeln zuletzt
Als Greise gebückt
Unkenntlich fast;
Doch du, Natur,
Du bleibst dieselbe
In gleicher Frische
Jahr um Jahr,
Auf deinem Antlitz
Ändert sich nichts,
Nicht Galten und Furchen
Lässest du schad'n,
Allen Sterblichen
Ihrer Jugend
Bleibst du ein Bildnis . . .
Schön bist du so.
Wie du es warst
Seit zahllosen Tagen.
') „Aus dem Schatze deutscher Dichtung" von jden Herausgebern des deutschen
Lesebuchs.
2 ) Vergl. hierzu die in der oben angeführten Arbeit abgedruckten Gedichte-

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