Martin Greifs Lyrik.
59
Von dem Leben dieser schönen, nie alternden Natur geben gerade seine
Naturbilder ein herrliches Zeugnis, auch natürlich seine Lieder, vorzugsweise
aber die eigentlichen Naturbilder, weshalb der Sammlung derselben auch
die eben angeführte „Anrede an die Natur" vorangeht.
Der pädagogische Wert dieser Naturbilder liegt auf der Hand. Schon das
einfache sprachliche Gewand ist ein Vorzug, der sogleich in die Augen springt.
Besonders wichtig aber ist es, daß die Grundstimmung, die hier auf dem liebe
vollen Erfassen des Naturlebens beruht, dem Seelenleben der Jugend so nahe liegt.
Selbst für ganz feine, intime Momente im Leben der Natur vermag der Dichter
schon der Jugend die Augen leise zu öffnen; er vermag es, weil er sich man
möchte sagen in kindlicher Zutraulichkeit der Natur hingibt und ihr Leben in
naiver Weise mitlebt. Es ist ja bei der Lyrik immer eine der ersten Fragen, ob
die Schüler fähig sind, den Stimmungsgehalt wirklich nachzufühlen. Das ist
natürlich bei jeder andern Dichtungsgattung ebenfalls keine untergeordnete Frage,
aber bei der Lyrik hat sie eine ganz besondere Bedeutung; denn hier sind die
Gefühlswerte alles, und die vom Dichter gegebenen Vorstellungen kommen lediglich
als Träger derselben in Betracht, während beispielsweise beim erzählenden Gedicht
das Geschehen an sich schon interessiert, auch wenn die Gefühlswerte einmal dem
Schüler nicht völlig zugänglich sein sollten.
Freilich verlangt die Greifsche Muse in hohem Grade ein stilles, sinnen
des Betrachten; aber das dürfen wir unsern Schülern doch wahrlich, wenn
nur sonst alle Bedingungen für eine seelische Resonanz vorhanden sind, schon zu
muten. Hier wird es ihnen deutlich vor Augen treten, daß ein Kunstwerk nicht
zum flüchtigen Beschauen da ist, sondern zum stillvertiefendeu Betrachten. Und
hier können sie lernen, was es heißt: verweilen — mit Genuß ver
weilen.
Nicht alle Gedichte liegen natürlich der Jugend so nahe, wie diejenigen, auf
die oben in der Anmerkung verwiesen wurde. In einem Lesebuch x ) finde ich z. B.
das kleine Kunstwerk, das Greif „Einsame Wolke" überschrieben hat.
Sonne warf den letzten Schein Lange sie wie sehnend hing
Müd im Niedersinken, Ferne den Genossen,
Eine Wolke noch allein Als die Sonne unterging,
Schien ihr nachzuwinken. War auch sie zerflosien.
So einfach es dem Wortlaut nach auch ist, der eigentlich poetische Gehalt
liegt der Jugend zu fern. Schon die Sehnsucht, die hindurchklingt, ist ihr kaum
verständlich, noch weniger aber das Verzehrende derselben, das in dem Zerfließen
der Wolke in so feiner Weise zum Ausdruck kommt.
Näher schon liegt ihr ein anderes, das das Herz des Lesers der lachenden
Morgensonne öffnet.
Werdender Sonnentag.
Wolkendunst verbirgt die Höhen, Fluren selbst in rauher Lage
Und doch wird's ein Sonnentag, Fühlen seine Segensruh',
Wenn er sich auch im Erstehen Und die Rose gar am Hage
Langsam nur enthüllen mag. Lächelt ahnungsvoll ihm zu.
Oder auch „Zauber der Winternacht". Es versetzt uns in eine stille,
prächtige Nacht mitten im Winter und läßt den wunderbaren Glanz des Sternen
himmels in unsere Seele fallen.
, Karl Hesiel, Deutsches Lesebuch.
Auswahl Greifscher Gedichte.)

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.