Martin Greifs Lyrik.
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Ihnen möchte ich das folgende, in einen tiefernsten Ton ausklingende, anreihen.
Das Nachbarkind.
Mein Nachbarkind am Graben
Schaut nimmermehr heraus,
Sie muß viel Arbeit haben
In ihrem kleinen Haus.
Sonst sah ich sie am Morgen
Und wohl am Abend auch,
Die Stille macht mir Sorgen,
Wozu der neue Brauch?
Doch sieh, wer kommt zur Türe
Mit einem Kränzlein an.
Als ob sie zur Hochzeit führe
Und müßt' ein Kränzlein han?
„Willst du ein Kränzlein tragen — ?*
Nun kommen zwei und drei
Und ohne vieles Fragen
Die Nachbarn all herbei.
Sie kommen von allen Seiten
Und reihen einen Zug,
Grabglöcklein fängt an zu läuten —
Jetzt weiß ich mir genug.
Mit Glück hat Greif auch Volksbräuche und mythologische Stoffe in seinen
Gestalten verwertet.
Frau Holle.
Schneeflocken wirbeln um und um, Der Mond blickt aus dem Wolkengraus,
Im Garten blüht die Weihnachtsblum', Weist ihr den Weg zu jedem Haus,
Frau Holle fährt im Dorf herum — Daß sie die flinksten findet aus —
Schnurre, Rädchen, schnurre! Schnurre, Rädchen, schnurre!
Bemerkt sie wo noch einen Schein,
Frau Holle hält und schaut hinein,
Die munter dreh'n, belohnt sie fein —
Schnurre, Rädchen, schnurre.
Selbst die Darstellung kindlichen Spielens und Treibens gelingt ihm vor
trefflich.
Hier eine Probe.
Umzug.
Drei Kindlein,
Ein Hündlein,
Und wenige War',
Ein Wäglein,
Ein Vöglein:
Da sind sie nun gar.
Der Bube
Zur Stube
Läuft eilig voraus,
Die andern
Durchwandern
Das Gärtlein am Haus.
Wie wonnig.
Wie sonnig
Lacht alles sie an.
Sie glätten
Die Betten
Und mustern daran.
Sie springen,
Sie singen:
Wie schön ist 's hier.
Die Grafen,
Sie schlafen
Nicht schöner als wir!
Von ähnlicher Bedeutung wie Greifs Naturbilder sind auch seine Lieder.
Manche derselben verdienen den Namen Lieder auch im engern Sinne, d. h. sie
sind wirklich sangbar, andere nähern sich mehr dem betrachtenden Naturbild.
Das alte, ewig junge Lied von der Liebe Freude und Leid hat auch Greif
gesungen. Dem ersten seligen Erwachen der Liebe, dem Glück des Beisammen
seins, der Sehnsucht und dem Trennungsschmerz — allem hat er Ausdruck ver
liehen und zwar in einer so zarten, innigen Weise, daß die reifere Jugend un
bedenklich mit dem einen oder andern Liebeslied vertraut gemacht werden kann. —
Gerade hier hat Greif auch den echten, schlichten Volkston außergewöhnlich glücklich
getroffen, wie folgende kleine Probe zeigen dürfte:

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