Martin Greifs Lyrik.
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Beide Kinder laufen in den Wald, um die Blume zu suchen. Das Glück
ist dem Mädchen hold. Es findet sie und setzt sich, vom eifrigen Suchen er
müdet, zur Ruhe nieder. — Bald schläft es ein. —
Da kommt der Knabe an denselben Ort und sieht das wunderbare Zepter
in der Hand der Schwester.
Da schoß es in die Wangen
Dem Knaben heiß und rot.
Er schlug mit seinem Zepter
Die schlafende Schwester tot.
Den Leichnam verscharrt er in den Sand und nimmt die Blume an sich.
— Wer kann ihm nun die Herrschaft streitig machen? —
Zufällig gräbt ein Hirt mit seinem Stabe da, wo der Leichnam des Königs
kindes ruht und gräbt ein Totenbein heraus, „wie ein Rohr gebauet, wie Schnee
so rein", das singt von schändlichem Mord eine seltsam klagende Kunde.
Schaudernd übergibt der Hirt das singende Totenbein einem Ritter, der es
vor die Königin bringt. Und wieder flötet es das furchtbare Lied von dem
schrecklichen Tod im Walde. — Bebend hört es die Königin. —
Gerade um diese Zeit läßt der König die noch immer um die verlorene
Tochter trauernde Mutter zu einem Feste laden. Sie erscheint in schwarzem
Trauerkleide und trägt in der Hand — den schaurigen Fund aus dem Walde.
Und wieder hebt er seine furchtbare Klage an:
Er schlug mich im Schlaf, er schlug mich so hart.
Hat ein Grab gewühlt, mich im Walde verscharrt!
Will es Gott und Menschen klagen. —
Es ist die Rache heischende, den Mörder verfluchende Stimme der Vergeltung,
die aus dem Totenbein heraustönt, dieselbe Stimme, die wohl aus dem Blut
Abels schrie, und die die Alten in dem Gesang der Furien vernahmen. Sie
durchdringt wie scharf geschliffener Stahl das Herz des Mörders, der plötzlich in
furchtbarer Qual aufschreit und sterbend im Arme der betenden Mutter liegt.
Es ist ein Stoff von ganz erschütternder Tragik, ein Stoff, bei dessen Ge
staltung der Dichter den wuchtigen Gang der alten Volksballade mit lyrischer
Zartheit vereinigt hat; etwas dieser Dichtung Gleichwertiges findet sich unter den
übrigen Balladen Greifs und vielleicht unter dem gesamten Balladenschatz neuerer
Lyriker nicht wieder.
Den Greifschen Romanzen liegen meist geschichtliche Episoden oder sagenhafte
Stoffe zugrunde, zum Teil solche, die schon mehrfach bearbeitet worden sind. Die
wichtigsten mögen hier erwähnt sein: Das Ende Dietrichs von Bern; Karl der
Große und die Normannen; Kaiser Karls Gericht in Zürich (im wesentlichen der
selbe Stoff, den Langbein in dem bekannten Gedicht vom klagenden Pferd des
Ritters verwertet hat); Der Trompeter vor dem Kyffhäuser; Friedrich der Große
bei Torgau; Die Königin Luise auf der Flucht nach Memel; Rhätischer Grenz
lauf (ein Hirt aus Glarus opfert sich für seine Gemeine).
Auch die vaterländischen Gedenkblätter, die speziell in die neuere Zeit, be
sonders in den letzten großen Krieg hineinführen, lassen sich im Unterricht wohl
verwerten.
Von den Romanzen und zuletzt genannten Gedenkblättern haben in neuere
Lesebücher bereits Eingang gesunden: Friedrich der Große bei Torgau (Engelien
und Fechner); Auf dem Schlachtfeld von Wörth (Karl Hessel); Deutsches Gebet

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