Sprachliche Plaudereien.
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In Hessen haben die Turmuhren übrigens Gelegenheit zu manchen Klagen
gegeben. In alten Kirchenakten findet sich oft die Klage, daß die Schuldiener
den Seiger nicht gut bedienten, wenn dieser nämlich mit der Uhr des Pfarrers
nicht übereinstimmte. Wer damals die richtige Zeit angab, der Pfarrer oder
der Schuldiener, das läßt sich jetzt nicht mehr entscheiden, aber ich möchte mich
für die Angabe des Pfarrers erklären. Er war nicht nur der Vorgesetzte,
sondern seine Uhr konnte aus durchaus unanfechtbaren Gründen viel bester sein
als ein schulmeisterlicher Chronometer.
Toon.
Das Wort ist niederdeutsch und niederländisch. Toon bedeutet Schau,
Besichtigung, toonen ist schauen, zeigen, schauen lassen. Auch ostfriesisch ist ton
Besichtigung, Schau. Die Toonbank ist ein langes Gestell oder ein Ladentisch
zum Auslegen von Waren, zur Warenschau. Die Weltausstellung in Antwerpen
hieß vlämisch Tentoonstelling (Zurschaustellung). In Ostpreußen sagt man
statt Schautisch, Schaubank oder Tönbank auch Tombank (Gartenlaube 1902).
Die ostfriesische Töönbank wird an manchen Orten zu Töön verkürzt. Da sagt
man: he mot achter de Töön ston, d. h. er muß Krämer oder Ladendiener
spielen. Das Wort reicht von Königsberg bis zu den vlämischen Grenzen in
Belgien.
Stemmen, stammeln, stumm.
Die Wörter gehören zur Wurzel sta, stehn, die auch die Form stan,
auch got. standan aufweist. Die Wurzel hat sich sehr ausgebreitet, sie entfaltet
von stand aus eine lange Wortreihe: der Stand, Anstand, Umstand, ständig,
standhaft usw., mit 1 stellen, Stelle, Stall, Stuhl, Stollen usw., mit m Stamm
und auch unser Wort stemmen.
Stemmen bezeichnet stehen machen, einer Bewegung Einhalt tun und in
übertragenem Sinne besänftigen, stillen. Die Stemmvereine unserer Athleten.
Er stemmte seine Faust auf den Tisch. Rosegger. Der durstige Star stemmte
sich gegen die Flasche; er brachte seinen Leib erst an der Flasche zum Stillstand.
Wo junger Anwuchs zu dicht steht, kommt das Beil und erlöst die Siechenden,
damit die andern (Bäume) ihre Ellbogen breiter ausstemmen können. Rosegger.
Davon gab es mhd. ein Eigenschaftswort gestueme in dem Sinne ruhig, still.
Wir haben das Wort nicht mehr, aber wohl die verneinende Form ungestüm.
Das ungestüme Meer. Der Ungestüm des Angriffs, dem kein Einhalt getan
werden kann.
Gehen wir zu einem andern Verwandten. Wer beim Sprechen oft einhalten
muß, ruckweise spricht, der stammelt, ndd. stammert, ist ein Stammler oder ndd.
ein Stammerbuk. Reuter. Wer aber überhaupt nicht sprechen kann, durchaus
daran verhindert ist, heißt stumm, ist ein Stummer. Gibt man dazu auch noch
den Grund an, so sagt mau taubstumm, ein Taubstummer. Stumm werden,
am Sprechen verhindert werden, heißt verstummen, wofür früher ganz richtig
erstummen gebraucht wurde. So bildet man ja auch erblinden, ermatten, er
grünen, erwärmen usw.
Sachlich sei noch stottern angefügt. Das Stammwort ist das Wort stoßen,
ndd. stoten. Wer bei der Rede häufig anstößt oder stockt, der stottert. Das r
oder er zeigt häufige Wiederholung an. Man vergleiche stottern, trillern,
knistern, erschüttern, zittern, klimpern u. dgl.

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