Sprachliche Plaudereien.
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Wahren
Dieses Wort geht auf ein ahd. und as. wara, mhd. war zurück, welches
Aufmerksamkeit bedeutet. Noch erhalten ist es in dem Ausdruck wahrnehmen,
zusammengezogen aus dem alten wara nemen, war nemen, beachten, eigentlich
Aufmerksamkeit, Rücksicht auf etwas nehmen. Daß der Ausdruck früher mit
dem Genetiv verbunden war, geht aus folgenden Beispielen hervor: Nehmet
euer selbst wahr an diesen Menschen, was ihr tun sollt, spricht Gamaliel mit
Bezug auf die Apostel. Apg. 5. Reineke Fuchs mahnt beim Abschied seine
Frau: Nehmet der Kinder wahr. Jetzt wird in der Regel der Akkusativ
gebraucht: die Zeit wahrnehmen, sie sorgsam nützen, ebenso: die Gelegenheit oder
seinen Vorteil wahrnehmen. Dieses Zurücktreten des Genetivs ist auch bei
andern Wörtern der Familie häufig. Im allgemeinen ist jetzt der Ausdruck
wahrnehmen meist zu dem Begriff des Bemerkens abgeblaßt, und das Merkmal
der Aufmerksamkeit wird nicht ohne weiteres dabei vorausgesetzt. Und ähnlich
werden denn auch die Wörter Wahrnehmung und wahrnehmbar ver
wendet.
Das Wort wahren, mhd. warn, as. waren heißt aufmerken, achten,
beachten. Sein Recht, seine Ehre wahren. Aber auch mit dem Genetiv: der
weise Talbot, der des Siegels wahrt. M. Stuart. Die Franzosen haben sich
das Wort in der Form garer, se garer achtgeben herübergeholt. Sie gebrauchen
den Imperativ gare! wo wir hüte dich, gib acht, Achtung! oder Vorsicht! rufen
oder auch niederdeutsch wahre dich!
Gebräuchlicher als wahren ist die schon ahd. Bildung bewahren, die im
allgemeinen die Bedeutung Hat behüten, in Hut haben. Man sagt: einen
Gefangenen bewahren, auf ihn achten, daß er nicht entkommt. Zuweilen ist
aber auch der Begriff des Schutzes damit verbunden: einen vor Schaden, Unfall,
Übel bewahren. Besser bewahrt als beklagt. Bewahre deinen Fuß, wenn du
zum Hause Gottes gehst. Spr. Sal. 4. Gott bewahr' das Haus. Glocke.
Gott bewahre! oder noch kürzer: bewahre! Mitunter bezeichnet es nebenbei
ein Aufheben und Behalten: Früchte bewahren. Und in dieser dreifachen Art
wird auch das Wort Bewahrung verwertet.
Ähnliche Bedeutung hat das Wort verwahren, in Hut haben oder nehmen.
Einen Gefangenen, ein Grab, Geld verwahren. Eine wohlverwahrte Tür.
Bewahrt und verwahrt das Feuer und das Licht. Gellert. Die Verwahrung
ist die Handlung und der Ort des Vertvahrens. In Verwahrung haben, in
Verwahrung bleiben. Ein Rechtsausdruck: gegen etwas Verwahrung einlegen.
Damit hängt zusammen: verwahrlosen, auch wahrlos, achtlos behandeln,
vernachlässigen.
Das Adjektiv gewahr Heißt beachtend, aufmerksam, beobachtend. Es wird
jetzt nur in Verbindung mit werden gebraucht. Gewahr werden ist also achtsam
werden, beobachtend werden. Auch hier regierte früher der Genetiv: der König
ward gewahr der Hand, die da schrieb. Dan. 5. Was wirst du nicht gewahr
des Balkens in deinem Auge? Matth. 7. Später tritt auch der Akkusativ auf.
Hierher gehört das Zeitwort gewahren und das Wort Gewahrsam,
die Aufsicht, die Sicherheit.
Aus wahren, aufmerken, achten, beachten ist das Wort wart, Wächter,
Hüter gebildet. Es erscheint nur als zweites Glied von Zusammensetzungen:
Kampfwart, Kampfwärtel, Torwart, Bannwart, Turn-, Zeug-, Kaffen-.

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