Weihnachtskonferenz in Oberhausen.
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Verkehr mit Baron von Kottwitz. Später gewann der Geheimrat von Becke
dorf Einfluß auf ihn und bestimmte ihn dazu, sich dem Lehrerberuf zu widmen.
Aus diesen persönlichen innern Erfahrungen erklärt sich Zahns eigenartige
Stellung zur religiösen Unterweisung. Unser Religionsunterricht leidet haupt
sächlich daran, daß er sich in der Behandlung von den übrigen Stoffen nicht
unterscheidet. Allerdings handelt es sich hier wie auch auf andern Gebieten um
ein Werden und Wachsen, um Vermittlung von Anschauungen rc. Trotzdem
haben wir es dabei mit etwas ganz anderm zu tun. Sein Erfolg hängt im
wesentlichen davon ab. wieweit das, was wir lehren, uns selber durch Herz und
Gewissen gegangen ist. Auf diesen Unterschied wurde Zahn durch seine eigen
artige Lebensführung hingewiesen.
Als erste Eigentümlichkeit Zahns hob Referent hervor, daß er mit außer
ordentlicher Energie auf die Behandlung der Elemente der Heilstatsachen drang.
Er hielt es für etwas Großes und Bedeutsames, wenn jemand nichts weiter aus
dem Religionsunterricht mitnehme, als den Eindruck, daß es einen lebendigen
Gott gebe. Damit hängt weiter zusammen, daß er so nachdrücklich auf die Ver
bindung der Schule mit Familie und Leben hinwies. Die Schule beginnt nicht
das religiöse Leben des Kindes, endet es auch nicht; die Familie beginnt es viel
mehr, und das Leben führt es fort. Darum muß die grundlegende religiöse Er
kenntnis in der Familie vermittelt werden. Wenn die Mutter mit dem Kinde
betet, oder der Vater dasselbe bei allen ernsten und frohen Anlässen auf den
Vater im Himmel hinweist, aus dessen Hand alles kommt, so wirkt diese religiöse
Unterweisung viel intensiver und lebendiger, als der beste Schulunterricht. Wo
allerdings diese grundlegende Arbeit in der Familie versäumt wird, da muß die
Schule das Versäumte nachholen. — Im Memorierstoff war Zahn außer
ordentlich sparsam; er hielt dafür, daß die Volksschule viel geleistet habe, wenn
sie sechs gute Kirchenlieder so zur Aneignung gebracht habe, daß nicht nur die
bessern, sondern alle Schüler sie wirklich beherrschten. Monatelang begann er
den Unterricht damit, daß er jeden Tag eine Bitte des Vaterunser aufsagen ließ,
woran er selbst eine kurze Besprechung schloß, in der er in unübertrefflicher Weise
immer wieder in neue Tiefen einzuführen verstand. So sollten seine Zöglinge
innerlich an demselben Stoffe wachsen, der zwar derselbe blieb, und doch stets
ein neuer wurde, indem er immer wieder neue Wahrheiten offenbarte. Es war
deshalb ein besonderes Anliegen Zahns, wertvolle, einfache Stoffe so zu be
handeln, daß sie auch dem Kinde wertvoll wurden. Wie sehr unser Religions
unterricht hierin sündigt, braucht wohl nicht erwähnt zu werden. Wir über
schütten durch unsere Stofffülle die Keime, die wachstumsfähig sind, so daß alles
selbständige Leben unter dem Druck der Masse untergeht. Trotzdem verzichtete
Zahn keineswegs darauf, auch höhere Gesichtspunkte selbst in den elementaren
Unterricht hineinzutragen. So brachte er unter den Anschlußstoffen mitunter
Liederstrophen, die anscheinend weit über das Verständnis der Kinder hinaus
gingen. Diese Stoffe wollte er aber nicht etwa als Memoriermaterial für die
Kinder angesehen wissen; er legte sie vielmehr den geschichtlichen Personen in den
Mund, um so ein ahnendes Verständnis des Kindes für religiöse Wahrheiten zu
wecken. Infolge seiner innern Stellung war er ein Feind aller dogmatischen
Vollständigkeit; er sah vielmehr in dem kleinsten Teil, in jeder einzelnen Ge
schichte, ja im einzelnen Spruch etwas Ganzes vom Evangelium. — Als einen
besondern Vorzug seines Unterrichts rühmt Hollenberg ferner, daß es bei Zahn

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