78 ll Abteilung Zur Geschichte des Schulwesens rc.
Wer diesen fleischgewordenen Gottmenschen sieht, der sieht den Vater. Um den
Heilsweg zu veranschaulichen, dienen besonders die biblischen Erzählungen, in denen
berichtet wird, wie den Menschen die großen Heilstatsachen zum Leben geworden
sind, wie die vom verlornen Sohn oder von Pauli Bekehrung. Auch die Kinder
wissen oft von verwandten Beispielen aus ihrer Umgebung zu erzählen, und wo
der Lehrer die rechte Stellung zu seinen Schülern hat, da darf er getrost diese
Erlebnisse heranziehen. Das subjektive Bekenntnis tritt im Religionsunterricht in
der Form von Katechismus und Kirchenlied auf. die an passender Stelle in die
Behandlung der Geschichte geschickt verwoben werden. Um den Eindruck auf das
Gemüt zu vertiefen, empfiehlt es sich, die Lieder singen zu lassen und damit die
Unterrichtsstunde würdig und angemessen zu schließen.
Im dritten Teil des Vortrages hob Referent die allgemeinen Anforderungen
hervor. Als Hauptfaktor kommt die Persönlichkeit des Lehrers in Betracht. Er
muß die Wahrheit, die er lehrt, selbst erlebt haben. Das verleiht seinem Zeug
nis die Wärme der Überzeugung, und die Kinder haben ein feines Verständnis
dafür, ob man Eigenes oder Fremdes gibt. Zum persönlichen Zeugnis muß
aber auch der vorbildliche Wandel kommen, das ist der beste Anschauungsunterricht.
Dabei tut es unserer Würde gar keinen Eintrag, wenn wir da, wo wir etwas
verfehlt haben, auch den Mut besitzen, unsern Irrtum einzugestehen. Endlich
lasse es sich der Lehrer angelegen sein, den sittlichen und religiösen Vorstellungs
kreis seiner Kinder, die häuslichen und Gemeindeverhältnisse genau zu beobachten
und die Anschauungen und Sprache der Volkskreise, aus der die Kinder stammen,
zu studieren. Da es aber Gottes Werk ist, die Herzen zu öffnen, so verabsäume
er nie, Gebet und Fürbitte für jedes Kind einzulegen. Ein Lehrer, der nicht
beten kann, schafft keine Frucht für die Ewigkeit.
An dieses Referat schloß sich eine längere Debatte, die im allgemeinen Über
einstimmung mit den Ausführungen ergab. Bezüglich der Frage nach dem Ge
fallen und Mißfallen wurde betont, daß man wohl vor der Ausschließlichkeit
ihrer Anwendung warnen, aber einen taktvollen Gebrauch derselben befürworten
könne. Ein Redner legte eindringlich nahe, den kindlichen Sinn der Offenheit
und des Vertrauens, den die Kleinen fast ausnahmslos in das Schulleben mit
bringen, als wesentliche Voraussetzung eines gedeihlichen Religionsunterrichtes zu
erhalten. Daß den meisten Kindern das Gefühl von der Notwendigkeit der
Sündenvergebung durch Gott fehlt, liegt daran, daß sie nicht dazu erzogen wer
den, die Eltern für ihre Verfehlungen um Verzeihung zu bitten. Man mies
ferner darauf hin, daß der Vorgang der Wiedergeburt nicht veranschaulicht werden
könne, wir können bloß die Tatsache an den Folgen erkennen. Ebenso wurde
auch einem biblischen Anschauungsunterricht zur Vorbereitung auf den eigentlichen
Religionsunterricht das Wort geredet, und andrerseits davor gewarnt, den innern
Einfluß des Unterrichts durch einen einseitigen Memoriermaterialismus zu ge
fährden.
Mit Gesang und Gebet schloß die anregende Konferenz um 6 Uhr.
Es sei noch erwähnt, daß eine Zustimmungserklärung zum Schulkompromiß
Annahme fand.
M.-R. Pr.
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