80 II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc.
den Kindern große, zusammenhängende, der Altersstufe entsprechende Stoffganze
biete, die allein imstande seien, ein reiches und wohlgeordnetes Geistesleben zu
erzeugen; daß bei der Stoffauswahl für den schriftlichen Gedankenausdruck neben
dem erarbeiteten Unterrichtsstoff auch das Gebiet der sonstigen Erfahrung und
des sonstigen Umgangs eine gleichwertige Berücksichtigung verdiene. In Bezug
auf diese wie auf andere Forderungen habe sie auf die Anregungen des Kunst
erziehungstages nicht zu warten brauchen. Es sei daher überflüssig gewesen, die
Sturmglocke zu läuten und sich so zu gebärden, als ob ohne den Erziehungstag
die deutsche Sprache und Dichtung verraten und verkauft sei. Hinsichtlich der
Behandlung dichterischer Kunstwerke habe man in Weimar zwei Richtungen unter
scheiden können: der einen, durch Waetzold und Otto Ernst vertreten, komme es
fast ausschließlich aufs Genießen, der andern neben dem Genießen auch auf das
Arbeiten an; jene kenne in der Gedichtstunde nur das Gefühl, diese neben dem
Gefühl auch den Verstand. Das bloße Gefühlsgedächtnis sei aber bei den meisten
Menschen gleich Null, so daß die Gefühle immer oder fast immer der Wieder
belebung durch das Intellektuelle bedürften. Darin stimme selbst Ribot, der die
Gefühle für etwas Ursprüngliches halte, mit Herbart, der sie als abgeleitete
Seelenzustände auffasse, überein. Das Intellektuelle sichere dem Gefühl einiger
maßen den Bestand im menschlichen Leben und damit der Dichtung ihre dauernde
Wirkung.
Zum Beginn der Verhandlungen wurde von Freunden des Kunsterziehungs
tages der Antrag gestellt, zunächst in eine allgemeine Besprechung der Uferschen
Arbeit einzutreten. Die Mehrzahl der Versammlung entschied sich jedoch nach
dem Vorschlage des Herrn Ufer dafür, an dem bisherigen Brauch, wonach die
Arbeiten zum Zweck einer geordneten und gründlichen Behandlung punktweise
besprochen werden, festzuhalten und die allgemeine Besprechung, falls eine solche
nachher noch wünschenswert erscheinen sollte, an den Schluß zu stellen. Soweit
es sich aus den Äußerungen der Redner erkennen ließ, schien man darin einig
zu sein, daß der herkömmliche Unterrichtsbetrieb im ersten Schuljahr einer durch
greifenden Umgestaltung bedürfe. Der Anfang der Schulzeit bedeute einen viel
zu scharfen Einschnitt in dem Leben des Kindes. Die Fertigkeiten des Lesens,
Schreibens und Rechnens machten sich so breit, daß für die Befriedigung der
wirklichen Bedürfnisse des kindlichen Geistes nur wenig Zeit übrig bleibe. Durch
das stete Korrigieren werde dem Kinde die Freude an der Sprache verdorben,
und es entstehe dadurch schon bei den Kleinen die Scheu, sich in ihrer Sprache
auszudrücken. Daher müsse der Lernweise des Spiels ein viel breiterer Raum
gegönnt und die dichterische Schmalkost des ersten Schuljahres durch die Ver
wertung der volkstümlichen Lieder und der Kinderreime der Heimat beseitigt
werden. Leider ständen aber oft die Vorschriften der Schulbehörde einer wirk
samen Verbesserung im Wege. Ihnen sei es auch zum Teil zuzuschreiben, wenn
hin und wieder eine Verfrühung der Poesie in der Schule vorkäme. Dahin
gehöre es, wenn das Lied: Ach, bleib mit deiner Gnade, das den christlichen
Heilsgedanken enthalte und sich durchweg in abstrakten Begriffen bewege, schon
auf der Unterstufe behandelt werden müsse. Auch manche Gedichte seien nur
deshalb in das Lesebuch für die Unter- und Mittelstufe aufgenommen worden,
um den Anforderungen der Kgl. Regierung zu genügen. Als Verfrühung müsse
es auch bezeichnet werden, wenn von manchen Ausschüssen zur Prüfung von
Äugendschriften 13jährigen Kindern Hermann und Dorothea als Privatlektüre

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