Die 40. Hauptversammlung des Vereins für Herbartische Pädagogik. 81
empfohlen würde. Wolle man auf die Verwendung derartiger Kunstwerke als
Jugendschriften nicht verzichten, so müßten sie unter Anleitung des Lehrers in
der Schule gelesen werden. Bei der Schulbücherei komme es weniger darauf an,
daß sie möglichst verschiedene Schriften enthalte, sondern daß wirklich gute Bücher
in der nötigen Anzahl vorhanden seien, damit sie von allen Schülern einer Klasse
zu gleicher Zeit gelesen werden könnten. Von Theateraufführungen für die
Jugend könne man sich eine tiefe und nachhaltige Wirkung auf das Gemüt des
Kindes nur versprechen, wenn eine schulmäßige Behandlung der Stücke voraus
gegangen sei, da andernfalls die wechselnden und rasch vorüberziehenden Bilder
nicht richtig und vollständig aufgefaßt würden und darum auch keine großen
Empfindungen auslösen könnten. Doch wurde auch die Meinung ausgesprochen,
daß es besser sei, die Schüler unvorbereitet ins Theater zu führen.
In längeren Ausführungen verbreitete man sich über die Behandlung von
Gedichten. Ihr einziger Zweck sei, die Freude der Kinder an der Dichtung zu
erzeugen. Jede Nebenabsicht, insbesondere das der Herbartischen Schule eigne
Rationalisieren, sei verwerflich. Wenn man auf eine verstandesmäßige Auffassung
der Gedichte hinarbeite, moralische Betrachtungen daran anschließe, jeden bildlichen
Ausdruck erkläre und den Inhalt von den Kindern in ungebundener Rede wieder
geben lasse, so könne in den Schülern keine lebendige Empfindung von der Schön
heit des Gedichtes aufkommen. Um dies zu erreichen, komme es vor allen Dingen
darauf an, in dem Kinde eine empfängliche Stimmung für die Aufnahme des
Gedichtes zu erzeugen. Darauf wurde erwidert, daß Stimmungen und Gefühle
stets mit Vorgängen im Vorstellungsleben verbunden seien. Wenn man sich daher
nicht mit der Erzeugung eines dämmerhaften Gemütszustandes begnügen wolle,
so müsse man auch die Vorstellungswelt wachrufen, worin die Gefühle wurzelten,
die durch das Gedicht erweckt werden sollten. Wegen der Enge des Bewußtseins
müsse die Vertiefung in den Inhalt von der ästhetischen Würdigung getrennt
werden, und von der Wiedergabe eines Gedichtes in ungebundener Rede könne
man ebenso gut sagen, daß durch den Gegensatz zwischen der Erzählung des
Kindes und der Darstellung des Dichters die Ehrfurcht vor dem dichterischen
Ausdruck erhöht werde.
Von mehreren Rednern wurde versucht, den Kunsterziehungstag gegen die
von Herrn Ufer erhobenen Vorwürfe in Schutz zu nehmen. Wie die moderne
Kunstrichtung allmählich eine Wendung zum Besseren genommen habe, so würden
sich auch die Einseitigkeiten und Übertreibungen, die in Weimar hervorgetreten
seien, mit der Zeit verlieren. Anstatt diese Bewegung zu bekämpfen, solle man
sich vielmehr des Einflusses ihrer mehr oder weniger bedeutenden Vertreter be
dienen, um mit vereinten Kräften die unleugbar vorhandenen Schäden auf dem
Schulgebiete zu beseitigen. Zwischendurch wurden auch recht allgemein gehaltene
Bemerkungen über den „Schematismus" und die „Zwangsjacke" der formalen
Stufen vorgebracht. Man rühmte die Persönlichkeit, als ob diese an sich schon
Würde habe, und die Persönlichkeitspädagogik, als ob man allgemein gültige
Normen für den Unterricht nicht anerkennen und einem schrankenlosen Subjektivis
mus das Wort reden wolle. Daß der Verein, um für seine Beratungen einen
gemeinsamen Boden zu haben und ein zweckloses Hin- und Herreden von ganz
verschiedenen Voraussetzungen aus zu vermeiden, seinen Verhandlungen die Päda-

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