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II. Abteilung: Zur Geschichte des Schulwesens rc.
meinen, die Verderbnis dieser Dinge zu vermeiden, indem du ohne sie aus
kommst. Es gibt auch kein rechtes Leben, das sie nicht alle drei hätte. Arbeit
ohne Freude ist niedrig. Arbeit ohne Schmerz ist niedrig. Kummer ohne Arbeit
ist niedrig. Freude ohne Arbeit ist niedrig.
2. Von allen erreichbaren Freiheiten sollst du dich sicherlich zuerst um die
Erlaubnis bemühen, nützlich zu sein. Du hörtest besser auf, von Unabhängigkeit
zu reden; denn du hängst nicht nur von jeder Tat der dir unbekannten Leute
ab, die um dich leben, sondern auch von jeder vergangenen Tat derer, die seit
tausend Jahren Staub sind. Ebenso ist der Lauf kommender Jahrtausende von
der kleinen vergehenden Kraft, die in dir ist, abhängig.
Klein genug und vergänglich und unbelohnt, wie gut du sie auch anwendest,
das mußt du verstehen. Die Tugend besteht nicht im Tun dessen, was so
gleich vergolten oder überhaupt dir, dem Tugendhaften vergolten wird.
Das mag geschehen oder nicht. Eines Tages wird es vergolten werden; aber
es ist Lebensbedingung der Tugend als solcher, daß sie zufrieden ist in ihrem
eigenen Tun und eher wünscht, daß der Lohn anderen zukommen möchte, geradeso,
wie es Lebensbedingung des Lasters ist, zufrieden zu sein mit der eigenen Tat
und zu wünschen, daß die Vergeltung andere treffen möchte.
3. Wieviel Qual würde Tausenden erspart, wenn diese große Wahrheit,
dies Gesetz nur einmal aufrichtig und demütig verstanden würde: — daß, wenn
ein großes Ding überhaupt getan werden kann, es leicht getan werden kann;
daß, wenn es getan werden muß, vielleicht nur ein Mensch in der Welt ist, der
es tun kann; aber er kann es ohne irgendwelche Mühe tun, — d. h. mit nicht
mehr Mühe, als es kleine Leute kostet, kleine Dinge zu tun; ja vielleicht mit
weniger. Und doch, welche Wahrheit liegt offener an der Oberfläche aller mensch
lichen Phänomena? Tragen nicht alle größten Werke das klare Zeichen seliger
Mühelosigkeit an der Stirn? Sagen sie uns nicht deutlich, — nicht „hier hat
es eine große Anstrengung gekostet", sondern „hier hat eine große Kraft ge
wirkt"? ...
Mißverstehe mich aber nicht und wähne nicht, daß diese große Wahrheit
sich zu dem beliebten Glauben junger Leute auflösen ließe, daß sie nicht zu
arbeiten brauchen, wenn sie Talent haben. Die Sache ist vielmehr die, daß ein
genialer Mensch immer viel bereitwilliger zur Arbeit ist als andere Leute und
mit seiner Arbeit soviel Besseres erreicht und sich der ihm innewohnenden Gott
heit oft so wenig bewußt ist, daß er dazu neigt, sein ganzes Können seiner
Arbeit zuzuschreiben und denen, die ihn fragen, wie er geworden sei, was er ist,
zu antworten: „Wenn ich etwas bin, was ich sehr bezweifle, so habe ich mich
durch Arbeit dazu gemacht." Das war Newtons Weise zu reden und würde,
glaube ich, im allgemeinen der Ton der großen Männer der Wissenschaft sein.
Genialität in der Kunst muß gewöhnlich selbstbewußter sein, aber auf jedem
Gebiet wird sie immer durch fortwährende, stetige, gut gerichtete, glückliche und
treue Arbeit in der Anhäufung und Beherrschung ihrer Kräfte, sowie durch die
riesenhafte, nicht mitzuteilende Leichtigkeit ihrer Ausübung ausgezeichnet sein. Es
geht daher buchstäblich keinen etwas an, ob er genial ist oder nicht: arbeiten muß
er, was immer er ist; aber ruhig und stetig; und das natürliche ungezwungene
Ergebnis solcher Arbeit ist immer, was Gott von ihm haben will, und sein
Bestes. Keine Seelenangst und kein Herzzerreißen wird ihn befähigen, etwas
Besseres zu tun. Wenn er ein großer Mensch ist, werden es große, ist er ein

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