John Ruskin. Menschen untereinander.
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kleiner Mensch, so werden es kleine Dinge sein; aber wenn sie so friedlich ge
schehen, werden es immer gute und richtige, wenn sie ruhelos und ehrgeizig getan
werden, immer falsche, hohle und verächtliche Dinge sein.
4. Keiner von uns ist ein so guter Baumeister, daß er gewohnheitsmäßig
unter seiner Kraft arbeiten könnte, und doch gibt es unter den mir bekannten,
jüngst errichteten Gebäuden nicht eines, an dem es nicht augenscheinlich genug
wäre, daß weder der Architekt noch der Unternehmer sein Bestes getan hat. Das
ist das besondere Merkmal moderner Arbeit. Fast alle alte Arbeit war harte
Arbeit. Sie mag die Arbeit von Kindern oder Barbaren oder Bauern sein;
aber immer war sie ihr Äußerstes. Unserer steht man beständig das Schielen
nach Lohn, ein Abbrechen, wann und wo wir nur können, und ein träges Sich-
zufriedengtben an, niemals ein rechtes Aufbieten unserer Kraft. Laßt uns nichts
mehr mit dieser Art Arbeit zu schaffen haben, jede Versuchung dazu hinter uns
werfen; laßt uns nicht freiwillig uns selbst erniedrigen und dann über unsere
Unzulänglichkeit murren und trauern; gestehen wir unsere Armut und Kargheit
ein, aber betrügen wir uns nicht selbst. Es fragt sich nicht einmal, wie viel
wir tun sollen, sondern wie es getan werden soll; es handelt sich nicht um mehr,
sondern um besseres Tun.
5. Es ist physisch unmöglich, daß wahre religiöse Erkennt
nis oder reine Sittlichkeit unter irgendwelchen Volksklassen
bestünde, die nicht mit ihren Händen um ihr Brot arbeiten.
6. Ich glaube, daß einem standhaften, wenn auch noch so unbeholfenen
Bemühen der oberen Klassen, die bürgerliche Anstrengung — statt wie jetzt, not
wendigerweise, in Vergnügungen, — in bestimmt nützlicher Tätigkeit zu suchen,
ein unermeßlicher Gewinn an Gesundheit und Glück folgen würde. Es wäre
sicher weit besser, daß ein Gentleman seine eigenen Felder mähte, statt über
anderer Leute Felder zu reiten.
7. Freiheit ist das trügerischte aller Trugbilder. Der schwächste Strahl
der Vernunft kann uns mit Sicherheit zeigen, daß nicht nur ihre Erlangung,
sondern auch ihr Dasein unmöglich ist. Es gibt kein solches Ding im Weltall
und kann es niemals geben. Die Sterne haben sie nicht. Die Erde hat sie
nicht. Und wir Menschen haben ihr Blendwerk und ihren Schein nur zu unserer
schwersten Strafe.
8. Unter den Kindern Gottes findet sich immer jenes furchtsame und ge
beugte Erfassen und Begreifen seiner Erhabenheit, jene heilige Scheu, ihn zu
beleidigen, die wir Gottesfurcht nennen, aber durchaus keine wirkliche eigentliche
Furcht, sondern ein sich an ihn, als ihren Fels, ihre Burg, ihren Erlöser an
klammerndes Vertrauen; vollkommene Liebe ist Austreiben der Furcht, so daß es
nicht möglich ist, daß, solange das Herz ihm recht zugeneigt ist, Furcht vor
Irdischem oder Übernatürlichem darin wohne. Je schrecklicher die Höhe seiner
Erhabenheit scheint, um so weniger fürchten sich, die in ihrem Schatten wohnen.
„Vor wem sollte mir grauen?"
9. Wir behandeln Gott mit Unehrerbietigkeit, wenn wir ihn aus unseren
Gedanken verbannen, nicht wenn wir bei geringfügigen Anlässen nach seinem
Willen fragen. Er ist nicht die endliche Autorität, der man nicht mit kleinen
Dingen lästig fallen darf. Nichts ist so klein, daß wir Gott nicht ehren, wenn
wir darin um seine Leitung bitten, oder ihn beleidigen können, wenn wir es in
unsere eigenen Hände nehmen. Und was von der Gottheit wahr ist, ist ebenso

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