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II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc.
wahr von ihrer Offenbarung. Wir benutzen sie um so ehrfürchtiger, je mehr
wir uns sie zu benutzen gewöhnen. Übermut ist es, wenn wir jemals handeln,
ohne nach ihr gefragt zu haben, und wir ehren sie wahrhaft, wenn wir bei allem
und jedem auf sie aufmerken. Ich bin wegen des vertraulichen Gebrauches ihrer
heiligen Worte getadelt. Es ist mir leid, dadurch verletzt zu haben; mich ent
schuldigt mein Wunsch, daß diese Worte zur Grundlage jedes Beweises, zum
Prüfstein jeder Tat gemacht werden. Wir haben sie nicht oft genug auf unseren
Lippen, noch tief genug in unserm Gedächtnis, noch gehorsam genug in unserm
Leben. Der Schnee, der Rauch, der Sturmwind erfüllen sein Wort. Sind
unsere Taten und Gedanken leichter und wilder denn jene, daß wir es vergesien
sollten?
10. Es gibt viele Religionen, aber nur eine Sittlichkeit. Es gibt sittliche
und unsittliche Religionen, aber nur eine Sittlichkeit, die immer war und sein
wird, ein Naturtrieb in den Herzen aller gesitteten Menschen, unveränderlich, wie
ihre leibliche Gestalt, welchen die Religion weder beherrscht noch sanktioniert, son
dern ihm nur Hoffnung und Glückseligkeit verleiht.
11. Welchen Wesens der Geist, der in dir ist, sein mag, wenn er deine
Hand die Hand eines Gauklers, dein Herz das Herz eines Betrügers bleiben
läßt, ist es kein Heiliger Geist; dessen sei sicher. Übrigens ist alle Staats
wirtschaft, sowie alle höhere Tugend in erster Linie von rechtschaffener
Arbeit abhängig.
12. Wenn wir nicht mit jeder Willenstat des Lebens Gottesdienst ver
richten, so verrichten wir überhaupt keinen. Das eine göttliche Werk — das
eine befohlene Opfer — ist, Gerechtigkeit zu üben, und es ist das letzte, zu
dem wir geneigt sind. Alles lieber als das! So viel Liebe wie du willst,
aber keine Gerechtigkeit! Ja, wirst du sagen, Liebe ist größer als Gerechtigkeit.
Sie ist größer; sie ist der Gipfel der Gerechtigkeit, der Tempel, dessen Grund
mauer die Gerechtigkeit ist. Aber du kannst die Spitze nicht ohne die Grund
lage haben; du kannst nicht auf die Liebe bauen. Du mußt auf Gerechtigkeit
bauen, hauptsächlich, weil du zuerst keine Liebe zum Bauen hast. Sie ist der
letzte Lohn guter Arbeit. Laß deinem Bruder Gerechtigkeit widerfahren (das
kannst du, ob du ihn lieb hast oder nicht) und du wirst dahin kommen, ihn zu
lieben; aber sei ungerecht gegen ihn, weil du ihn nicht liebst, und du wirst dahin
kommen, ihn zu hassen.
Rundschau.
Zur Simultanschulfrage hielt der neugewählte Stadtverordnete Prof. Dr Trom-
mershausen in Frankfurt a. M. in der Stadtverordnetenversammlung eine beachtens
werte Rede, der wir folgendes entnehmen: „Unterziehen Sie doch, bitte, Ihre
Stellung zur Simultanschule einer gründlichen Revision! Ich will
doch nichts anderes als das Beste der Stadt. (Zuruf: Wir auch!) Daran zweifle ich
auch garnicht, es fragt sich nur, ob Sie in diesem Punkte auch das nötige Verständnis
haben. Die Simultanschule hat sich keineswegs glänzend bewährt und wirkt keines
wegs in konfessioneller Hinsicht versöhnend, auch nicht in Frankfurt. Nur wer jahrelang
die Simultanschulen oder die sog. paritätischen Schulen kennen gelernt hat. weiß sie zu
beurteilen. Wenn sich der Königsberger Lehrertag für die Simultanschule erklärt hat,
so ist das zum großen Teil Vereinsmache. Die älteren Lehrer sind in der Regel
für konfessionelle Schulen, die jüngeren für die Simultanschule. Man muß es einmal

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