Rundschau.
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offen sagen, weshalb die meisten Volksschullehrer für Simultanschulen eintreten: Das
kommt von der unglücklichen Lokalschulaussicht der Geistlichen. Die Lehrer sind für die
Simultanschule, weil nach den bestehenden Bestimmungen in Preußen kein Geistlicher
an Simultanschulen die Lokalschulinspektion ausüben kann Bekommen die Lehrer also
Simultanschulen, so sind sie mit einem Mal die drückende Lokalschulaufsicht der Geist
lichen los. Mag man aber über Simultanschule oder Konfessionsschule denken, wie
man will, beide können schlecht sein; darüber werden wir uns noch im Schulausschuß
weiter auseinandersetzen. Wichtiger ist die Anerkennung des Elternrechts an
der Erziehung der Kinder. Evangelische Eltern haben das Recht, ihre Kinder evan
gelisch erziehen zu lassen, katholische Eltern katholisch. Das ist eine Sache der Ge
wissensfreiheit, und das einseitige schroffe Festhalten an der Simultanschule gegen den
Willen der Eltern ist weder liberal noch freisinnig. Der Unwille eines Teils der
evangelischen Bürgerschaft über die Verletzung der religiösen Gefühle ist in den Wahlen
zum Ausdruck gekommen, und es ist nicht demokratisch, diese Stimme der Wähler zu
mißachten. Trotzdem sagt Herr Funk: „Wir lassen auf diesem Punkt nicht mit uns
paktieren und machen keine Konzession." Ich hoffe, daß Herr Funk in Berlin erklären
wird, daß in der Bevölkerung Frankfurts eine Wandelung in der Ansicht über die
Simultanschule eingetreten sei. (Große Heiterkeit) Das demokratisch-fortschrittliche
Flugblatt sagt: „Unserm bewährten Schulsystem, das auf simultaner Grundlage auf
gebaut ist, verdankt Frankfurts Bürgerschaft die religiöse Duldung." «Zuruf: Sehr
richtig!) Wie alt sind die Frankfurter Simultanschulen? «Herr Fehl: 40 Jahre!) Und
vorher hat Frankfurt keine religiöse Duldung gekannt? Ich dächte,
jahrhundertelang vor der Simultanschule gab es in Frankfurt religiöse Duldung Gilt
aber diese religiöse Duldung nur den Nichtchristen? Auch den Katholiken und
Evangelischen gegenüber sollte man tolerant sein! Die Mehrheit der
Stadtverordneten ist aber keineswegs immer tolerant gewesen gegen das religiöse Em
pfinden der Evangelischen; z. B. in der Frage der Schulandachten hat sie nicht die
Rücksicht geübt, die sie den Evangelischen schuldet. Schulandachten sind an allen höheren
Schulen eingeführt. Als aber die Frankfurter Synoden von der Schulbehörde An
dachten für die evangelischen Schüler erbaten, da faßte die Majorität der Stadtverord
neten sofort eine Resolution dagegen und richtete an den Magistrat die Mahnung
„vMeant consules“, Können Sie sich da wundern, daß der Name des Vorsitzenden
der Frankfurter Synoden unter dem Wahlaufruf steht? Gewiß verlangt auch unser
Schulwesen fortgesetzt zeitgemäße Verbesserung, und wir sind gern bereit, mit Ihnen
zu beraten über Lehrmittelfreiheit usw. und die Schulpflege auf Kleidung, Nahrung
und Gesundheit des Leibes auszudehnen, aber wichtiger ist doch, daran festzuhalten,
daß alle unsere Schulen nicht nur Unterrichts-, sondern auch Erziehungsanstalten sind.
Wichtig bleibt es, das wissen wir, Handel und Verkehr, Kunst und Wissenschaft zu
fördern und zu heben, aber das Wichtigste ist und bleibt die sittliche Erziehung
und Bildung unseres Volkes, die Erziehung zu tüchtigen Persönlichkeiten und
Charakteren. Dazu gehört aber die Religion. Keine wahre Sittlichkeit ohne
Religion. Religionslose Moral gibt es nicht! An diesem Punkte beginnt
die schärfste Scheidung: Wollen Sie eine religiöse oder religionslose Er
ziehung? Die Evangelischen wollen eine religiöse Erziehung unserer Jugend; ebenso
auch die Katholiken. Darum hat der Zusammenschluß der Evangelischen mit den Katho
liken eine tiefere Bedeutung. Wir wollen mit den Katholiken keine Ent-
christlichung unseres Volkes, und deshalb keine religionslosen
Schulen. Wenn man die Religion aus den Schulen entfernen will, so hat man ein
festes, klares Programm. (I>r. Quarck: Sehr richtig!) Aber eine religiöse Erziehung
kann nur eine konfessionelle sein, und deshalb sind Simultanschulen eine
Halbheit. Wollen Sie auf diesem Punkte keine Konzessionen machen, so haben Sie
den Kampf! Nun noch ein Wort, das ich als Evangelischer an meine evangelischen
Glaubensgenossen richten möchte. Wir, die wir für konfessionelle Schulen sind, wollen
auch, wie Sie alle, keine Herrschaft des Klerus, keine klerikale Bevormundung der
Schule, keine klerikale Erziehung, sondern eine freie Schule, freie Schule unter
Leitung des Staates, aber eine religiöse Erziehung. Wir Evangelischen können
und wollen Freiheit und Frömmigkeit vereinigen. Wir Evangelischen wollen
Gewissensfreiheit auch für die Katholiken und darum mit ihnen konfessionelle
Schulen. Wir Evangelischen wollen also mit Ihnen, meine Herren, dasselbe Ziel,
deutsch-nationale Schulen; wir sind nur uneins über die Mittel und Wege zu diesem

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