Zum neuen Jahre.
9
folgt, der gewahrt leicht, daß man Dörpfelds lehrreiche Erfahrung noch immer
nicht genutzt hat. Ist unsere heutige Schule wirklich eine konfessionelle? Läßt
sich eine solche denken ohne Voraussetzung einer sie tragenden organisierten lebens
kräftigen konfessionellen Erziehungs- (Schul-) Gemeinde? Ist die Frage nach der
Konfession der Volksschule eine Schul- oder Gemeindefrage und wo ist sie zum
Austrag zu bringen, auf dem Boden der Schule oder dem der Gemeinde? Sind
die geistliche Schulaufsicht, der Vorsitz des Pfarrers im Schulvorstand wirklich
geeignete Mittel, die rechte Verbindung zwischen Schule und Kirche zu erhalten?
Unter welchen Voraussetzungen können sie es sein? Wann aber sind sie das
Gegenteil? Usw. Ich will mit diesen Fragen hier nur andeuten, wie viel des
„Ererbten" es noch zu „erwerben" gilt. Die heutigen Kämpfe sind namentlich
deshalb so beklagenswert, weil sie bei der allermeist so unsachlichen Führung nicht
zu einem gedeihlichen Frieden führen können, wohl aber die arme Schule schwer
zu schädigen geeignet sind.
Die älteren Leser werden sich erinnern, daß das Ev. Schulblatt von 1899
einen höchst intereffanten Artikel von Trüper brachte: „Eine Bankrotterklärung
des Schulkasernismus". Der Artikel war hervorgerufen durch eine Schrift des
Mannheimer Stadtschulrats Dr. Sickinger über „die Frage der Organisation
der Volksschule in Mannheim" und eine Besprechung derselben in der „Zeit
schrift für Schulgesundheitspflege von Dr. med, Moses. Bekanntlich erreichen
in den großen städtischen Schulsystemen sehr viele Schüler das Schulziel nicht, in
Mannheim brachte es damals */? dahin. Nach einer genauen Durcharbeitung
des statistischen Materials von 44 unserer Großstädte kommt Sickinger zu dem
Ergebnis: „In den großen Volksschulkörpern durchläuft nicht
einmal die Hälfte aller Kinder innerhalb der gesetzlichen
Schulpflicht die Schule regelrecht: über die Hälfte allerKinder
erleidet ein-, zwei-, drei- und mehrmals Schiffbruch, tritt mi*
einer verstümmelten und unzulänglichen Schulbildung ins
Leben hinaus und, was noch schlimmer ist, ohne Gewöhnung an
intensives, fleißiges und gewissenhaftes Arbeiten, der köst-
lichsten Frucht rationeller Schulerziehung, ohne Vertrauen
auf die eigene Kraft, ohne ArbeitsWilligkeit und Arbeits
freudigkeit."
Bedenkt man, daß hier ein schweres Unrecht vorliegt nicht nur gegen die zurück
bleibenden Kinder, sondern nicht minder gegen die glücklicher situierte Hälfte, die
durch die Rücksichtnahme auf die Nachzügler in ihrer Entwicklung aufgehalten
und sonst geschädigt wird, so wird man nicht mehr in Abrede stellen können,
daß unsere einstufigen großen Schulsysteme einen Notstand gezeitigt haben, der
ernstlich ins Auge gefaßt sein will und für den Abhilfe gesucht werden muß.

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.