111. Abteilung. Literarischer Wegweiser.
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Hollenweger (Direktor der Provinzial-Taubstummen-Anstalt in Marienburg): Evan
gelisches Religionsbuch für einfache Schulverhältnisse. Biblische Geschichten mit
Beziehung zum Lernstoff im Katechismus. Zweite, verbesserte Auflage mit Bildern.
Leipzig 1903, Dürr'sche Buchhandlung. 131 S. Geb. i M.
Das Religionsbuch von Gottschalk und Meyer ist eine höchst bedeutsame Erschei
nung inmitten der vielen ähnlichen Bücher, die uns die letzten Jahre gebracht^haben.
Es löst in glücklicher Weise die Frage nach dem Verhältnis zwischen der Bibel und
ihren „Surrogaten", indem es die Oberstufe aus dem Historienbuch in die Bibel selbst
hineinführt. Der eigentliche biblische Geschichtsunterricht soll etwa mit dem 5. Schul
jahr beendet und dann durch das Bibellesen abgelöst werden.
Diesem Grundgedanken entspricht die äußere Anlage und Gliederung des Buches.
Der erste Teil bietet das Historienbuch für die Schüler des 3.-5. Schuljahres, der
zweite Teil stellt sich dar als „ein Hülfsbuch, das den Schülern bei der Benutzung der
Bibel oder des Biblischen Lesebuchs Handreichung bietet." Die zu lesenden Bibel
abschnitte sind demgemäß lediglich nach Kapitel und Vers angegeben und gegliedert.
Die geschilderten Persönlichkeiten werden jedesmal zum Abschluß kurz charakterisiert und
die verschiedenen Berichte aus jeder Epoche immer zu einem besondern Abschnitt zu
sammengefaßt. Dabei orientiert dann eine kurze Einleitung nebst Skizze jedesmal zu
nächst über den Schauplatz der Geschichte, und ein „Rückblick" sucht darauf die Be
deutung des betreffenden Zeitraumes klarzulegen, wobei auch die Geschichtsquellen für
diese Zeit kurz zusammengestellt werden. Die Stücke aus den Lehr- und prophetischen
Büchern sind dort eingefügt, wohin sie der geschichtlichen Entwicklung nach gehören.
Bei der Auswahl sind die Forderungen der Gegenwart berücksichtigt. „Der alt-
testamentliche Stoff hat der gebräuchlichen Auswahl gegenüber insofern eine Beschrän
kung erfahren, als nur das religionsgeschichtlich Bedeutungsvolle ausgewählt ist. Da
für ist aber andrerseits der so sehr vernachlässigte Prophetismus, die klassische Periode
der israelitischen Religionsgeschichte, gebührend berücksichtigt worden." Im Neuen
Testament ist „durch die Art der Darstellung dem Religionslehrer die Freiheit gelassen,
sich entweder auf das Markus-Evangelium zu beschränken oder alle vier Evangelien zu
berücksichtigen. An das Leben Jesu reiht sich das Wirken der Apostel nach der Apostel
geschichte an, und damit ist zugleich die Einleitung in die Kirchengeschichte gegeben, die
so ausführlich dargestellt ist, daß jede Schulart den für sie erforderlichen Lehrstoff vor
finden wird." Der Anhang bringt eine kurze Geschichte des Kirchenliedes, einen Überblick
über das Kirchenjahr, die Ordnung des Hauptgottesdienstes, eine Zusammenstellung der
christlichen Bekenntnisse und den kleinen Katechismus. Dabei ist dem Schüler durch die
übersichtliche Gruppierung der Katechismusstücke und die Anwendung verschiedener Druck
formen eine wirksame Gedächtnishilfe gegeben. Überhaupt ist das Buch auch äußerlich
in jeder Hinsicht aufs sorgfältigste ausgestattet.
Alles in allem haben wir es hier mit einem trefflichen Hilfsmittel für den Re
ligionsunterricht zu tun, dem die weiteste Verbreitung zu wünschen ist. Das Buch ist
übrigens in fünf verschiedenen Ausgaben erschienen, die die Benutzung der Vollbibel
oder irgend eines der bekannteren Biblischen Lesebücher (Bremer, Württemberger, Voelker
und Strack, Schäfer und Krebs) ermöglichen. —
Das an zweiter Stelle angezeigte Buch verdankt seine Entstehung dem neuen
Berliner Lehrplan; es war also von vornherein an bestimmte Normen gebunden. Am
besten ist den Verfassern wohl der kirchengeschichtliche Teil gelungen: Heidrichs Schul-
Kirchengeschichte ist dabei besonders zu Rate gezogen worden. Bei der Reihenfolge der
Neutestamentlichen Geschichten war Tischendorfs Übersicht maßgebend. Im Alten Testa
ment ist die Prophetie entschieden zu kurz gekommen. Amos z. B. ist mit ganzen drei
Versen (8, 4—6) und einem Hinweis auf Kap. 9 abgetan, und den übrigen „großen"
Schriftpropheten geht's nicht viel besser. Von einem Lebensbild dieser Männer ist unter
diesen Umständen natürlich gar keine Rede.
Der größte Nachteil ist dem Buche aber erwachsen aus dem Bestreben der Ver
fasser, „den biblischen Geschichten die sprachliche Form zu geben, die sonst im Unterricht
üblich ist." Der Gedanke ist ganz gut, leider sind aber die Verfasser bei seiner Aus
führung völlig entgleist. So werden uns nun hier die biblischen Geschichten auf ein
mal im trockensten Schulton wiedererzählt. Selbst die Weihnachtsgeschichte ist diesem
Schicksal nickt entgangen. Die gute Absicht der Verfaffer in allen Ehren, solange aber
nicht mit mehr Kraft und Geschick an eine derartige Arbeit gegangen wird. ziehe ich es
doch vor, einstweilen noch bei der Luthersprache zu verbleiben trotz all ihrer Mängel

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