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I. Abteilung. Abhandlungen.
zu erfassen und überhaupt tiefer und nachhaltiger in seine Entwicklung einzugreifen.
Da handelt es sich denn darum, die Kindesseele zu einer naturgemäßen Entfaltung
von innen heraus vorsichtig und behutsam anzuregen und auch die mehr formalen
Dinge nicht rein äußerlich an das Kind heranzubringen, sondern in jenen organi
schen Bildungsprozeß mit einzubeziehen. Wenn man aber die Arbeit des Lehrers
aus diesem Gesichtspunkte betrachtet, dann läßt es sich nicht verkennen, daß ihr
auch ein gewisses künstlerisches Moment innewohnt, und auf diese Seite
der Schularbeit wünschte ich heute vornehmlich Ihre Aufmerksamkeit hinzulenken,
wenn ich Ihnen nun zu einer Aussprache über den „darstellenden Unterricht"
einige Unterlagen zu bieten versuche.
Suchen wir zunächst einmal den darstellenden Unterricht gegen
den gesamten übrigen Unterricht einigermaßen abzugrenzen, damit
wir ihn dann für sich genauer betrachten können. Da werden wir vielleicht am
schnellsten zum Ziele kommen, wenn wir uns den Gang der kindlichen Entwicklung
in einigen Hauptzügen vergegenwärtigen. In den ersten Lebensjahren versucht
das Kind sich in seiner nächsten Umgebung vorerst einmal notdürftig zurecht zu
finden, und diese Orientierung nimmt seine ganze Tätigkeit vollauf in Anspruch. Wir
sind leicht geneigt, gerade diese grundlegende Arbeit zu unterschätzen, und doch ist
es keine Übertreibung, wenn Jean Paul einmal behauptet, daß das Kind in den
drei ersten Lebensjahren mehr lerne als der Student in seinem akademischen
Triennium. Auch fernerhin nimmt es dann planlos und ohne Wahl alles in
sich auf, was ihm das häusliche Leben und die nähere Umgebung gerade bieten,
häufig mit der größten Obersiächlichkeit, weil sich die geschäftige Phantasie gar zu
leicht störend einmischt, nicht selten aber auch mit einer so eindringenden
Beobachtung, wie wir sie sogar bei den meisten Erwachsenen vermissen. Zwischen
durch sucht dann das kleine Wesen auch durch unermüdliches Fragen den Dingen,
näher zu kommen und einigen Zusammenhang in seinem kleinen Weltbild herzu
stellen. Schließlich tritt es dann mit dieser merkwürdigen Mischung von Dichtung
und Wahrheit in die Schule ein und teilt dem Lehrer auf Verlangen gern und
reichlich davon mit, sobald es sich nur erst eingelebt und zu dem fremden Mann
einiges Zutrauen gefaßt hat. Je mehr es sich ihm aber offenbart, um so deut
licher wird es dem Lehrer zum Bewußtsein kommen, daß diese in den sechs Jahren
vorher gesammelten Erfahrungen und Anschauungen noch kein tragfähiges Fundament
für einen fortschreitenden gemeinsamen Unterricht bilden können. Die Gedanken
kreise der Kinder sind unter sich zu verschieden, ihre Kenntnisse im einzelnen vielfach
lückenhaft und ungenau, und ebenso ist's mit der Sprache. Für viele Dinge fehlt
ihnen die richtige Bezeichnung, für viele Wörter der entsprechende Inhalt. Daher
befaßt sich der erste Unterricht damit, den Vorstellungsschatz der Kleinen zu entwirren,
zu klären, zu ordnen und im Zusammenhang damit die Sprache zu bilden. Diesen
Unterricht nun bezeichnet Herbart als analytischen Unterricht und weist ihm die Aufgabe

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