Nr. S
PSVaaoaffche Poff
Leres, daß ihr nur ein eng begrenzter Raum zur Verfügung stehen
wird. Man wird sich darum bei diesem Buche auf nur wenige
Gattungen der deutschen Mundartdichtung beschränken müssen;
andernfalls würde sie wie im Kaleidoskop gesehen. .
Welche Gattungen kommen nun in Frage? Wie
die hochdeutsche Literatur besteht auch die mundartliche Ms Volks
gut und Kunstdichtung. Wlan wird sich hinsichtlich der"' Mundart
am besten für eine dieser beiden Formen entscheiden und ist m. E.
die Kunstdichtung das Gegebene: das Kunstgedicht und die Prosa.
Bei solcher Beschränkung kann ein geschlossenes Bild unserer füh
renden Volkssprachen in etwa gegeben werden. Es wird nun
niemand erwarten, daß inan bei der Auswahl die einzelnen
Idiome in unbedingter Parität heranziehe. Die Grundforderung,
die an die hochdeutschen Dichtungen gestellt wird, gilt nämlich un
verändert auch für die mundartlichen: Nur solche Dichtungen dürfen
Aufnahme finden, die hochwertig sind nach Inhalt und Form. solche,
hinter dcnen ein ganzes Dichter steht. Sein Können darf sich nicht
in der dargestellten Probe erschöpfen. Wenn sie den Leser an
regen, wenn etwa „Appetit nach Mehr" sich einstellen sollte, dann
muß er weitere gute Dichtung beim gleichen Autor finden, sonst
wäre die Probe im Lesebuch ein Abschluß und nicht eine Einfüh-
rng. was sie doch sein soll. —
Die deutsche Miundartpoesie hat an volllvertigen Dichtern keinen
Mkuigel; wir finden dort Namen von hohem Klang.
Seile 121 '
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Männer wie Klaus Groth, Fritz Reuter und John Brinckmann
haben längst einen Ehrenplatz in der deutscheir Literatur, andere
Niederdeutsche wie Fehrs und Rudolf Kinau, Wibbelt, Boßdorf und
Wagenfeld sind gleichfalls in weitesten Kreisen als echte Poeten an
erkannt. Ebenso haben die mittel- und oberdeutschen Volkssprachen
würdige Vertreter mit hoher dichterischer Kraft. Wir erinnern
nur an Wilhelm Schneider-EIauß, der: „rheinischen Reuter", an
Anton Sommer, den Vertreter Thüringens, an den sächsischen
Volkspoetcn Louis Riedel und an die Schlesier Karl von Holtet
und Robert Rößler; wir nennen Joh. Peter Hebel, den Autor der
Alemannischen Gedichte und Franz von Kobell, den Verfasser so
vieler prachtvoller Dichtungen in oberbayrischer Mundart: so haben
auch Schnoben und das nördliche Bayern ihre Volkspoeten, jenes
seinen Wachmann, dieses den beliebten Nürnberger Johann
Konrad Grübe!, so ist die Schweiz durch Usteri, Deutsch-Oesterreich
durch Fraungruber und Schade! und besonders durch Stelzharumer
ausgezeichnet vertreten. Bei der Auswahl der einzelnen Proben
werden der Geist und die Anlage deS neuen Lesebuches und nicht
zuletzt der zur Verfügung gestellte Raum dorr entscheidenden Ein
fluß haben. Wenn dann demnächst das erarbeitete Inhaltsver
zeichnis vorliegt, wird es Aufgabe der Kritik sein, sich eingehend
dazu zu äußern und erforderlichenfalls Verbesserungen vorzu,
schlage::.
I I 3m 'Polfesffgaf il ||
Der wahre Staat.
Von Heinz M a n t h e, (Doppard.)
„Neubau des Staates" ist der Gesichtspunkt, nach dem unser inner-
politisches Leben seit den Tagen der November-Revolution von 1918
verläuft, ein Gesichtspunkt, der umso wicht-ger ist, als er immer wieder
mit wichtigsten außenpolitischen Fragen verknüpft erscheint. Alles ist
gestürzt. Neues versucht worden; Schlagwörter beherrschen die
Situation und werden als Paniere den Massen voraufgetragen; lebhafter;
als je zuvor ist der Streit um sie auf der ganzen Linie entbrannt. Das
ist keine zufällige Erscheinung. Jedesmal in Zeiten großer staatlicher
Umwälzungen kommen neue Ideen und Formen des gesellschaftlichen
und staatlichen Zusirmmenlebens und aller seiner Aeußerungen auf.
Alte Autoritätsverhältnisse schwanden mit dem alten Fürstenstaate;
freiere Bewegung der Massen und ihrer Kräfte ist das Zeichen demo
kratischen Staatslebens. Und immer in solchen Zeiten stehen weise
Männer auf, die mit Gründlichkeit und Kenntnis ihre Meinung über
die Gestaltung deS staatlichen Organismus niederlegen. (Leider äußern
sich auch viele Männer, die sich für weise halten.) In den Revolutions
zeiten des alten Athen entstanden Platons und Aristoteles' Theorien
vom Staate. Macchitavelli schrieb in der Umwälzungszeit der Renaissance,
Rousseau, Ricardo, Adam Müller, Friedrich List gruppieren fick um die
Epochen der französischen Revolution und der napoleonischcn Zeit. So
gilt es auch heute, wenn die Geschichte kein bloßer Mechanismus fern
soll, die inneren geistigen Triebkräfte und Ideen kritisch zu prüfen nach
ibrem Wert oder Unwert. Dem so viel berufenen „Zeitgeist" müssen
wir nahe kommen, und von hier aus die ihm am me.sten entsprechende
und für die Dauer am haltbarsten erscheinende Lösung zu ftnden suchen.
Daß unser Staat anders aufgebaut werden muß, das ist eine der
wenigen Tatsachen, über die man sich einig ist. Indes schon beim „Wie"
dieses Neubaus scheiden sich sofort die Ge ster. Es ist eben nicht so ein
fach, ein gefallenes Altes durch etwas völlig NeueS ersetz'» zu wollen.
Schlagworote in die Massen werfen, Forderungen erheben ist leicht;
positive Arbeiten verrichten, das Mögliche vom Unmöglichen, das Nütz
liche vom Schädlichen sondern ist schwer. Es wird noch lange Zeit
vergehen, bis sich die Meinungeii soweit geklärt und zusammengeftinden
haben, daß es zu einer als fertig zu bezcichenden Lösung in irgend
einem Sinne kommt; und auch dann noch werden Maßen Anders
denkender beiseite stehen. Darin liegt sogleich wieder die Gefahr für
die Zukunft: je breiter diese Masten sind, um so gefährlicher ist die
Lage für die neu errichtenden Gesellschaftsformen. Es gilt dennoch, eine
Form des Neuaufbaus zu finden, die möglichst vielen gerecht wird. Das
ist fieilich ein Zkornpromiß und als solcher von vornherein keine ideale
Lösung. Wie die Dinge aber nun einmal liegen, muß man mit Rea
litäten rechnen, und diese müssen in ihrer Formung so viel an be-
friedigendem Inhalt bieten, daß nicht große Teile ihrer Anhänger in
Gefahr und bereit find. bei der ersten Gelegenheit abzuspringen. Mit
Schlogworten und Mastenversammlungen ist dieser Kompromiß weder
zu finden noch durchzuführen. Es bedarf dazu rastloser und schwerer
^l^mkenarbeit. Und wer ettvas zu dieser Frage auf Grund seines
-Kastens und seiner Erfahrungen zu sagen hat, darf heute weniger denn
f^'ner Dteinung hinter dem Berge halten. Jeder Laie aber. der
«•»ti. Interesse die Lage seines Volkes verfolgt und on seinem
hrrt fJüti die Neugestaltung mit durchzuführen bestrebt ist,
to^ er c ^ Il< ^ tunß ' stch ernsthaft mit solchen Problemen des
ÄÄfr'i" beschäftigen. Das mit in erster Linie nnch
kommenden Generationen hervorgehen
I ik b X u Gesinnungen in richtunggebender Weise
ftrphp^tn^n ^ muß vor allen Dingen nach Klarheit
Ai klaren Anschauungen erziehen will.
zuknmm-. * e fcie füfvl* nic ^ um rein wissenschaftliche Fragen,
unil bcn theoretischer Bedeutung bleiben; hier stehen
unßemem praktische Fragen zur Diskussion. Nicht bloß ist hier Wesent"
litte? von Unwesentlichem, der Kern vom Beiwerk zu sondern; hier
müstel' die gefundenen Grundtatsachen kritisch betrachtet und nach ihrem
Werte geprüft werden. Nur auf diesem Wege wird die Macht der
Phrase überwunden, das böse Schlagwort getötet, das die Massen
betört, das selbst ernsthafte Menschen nach und nach oft genrp/
hypnotisiert.
Zu allererst wüsten wir uns stets bewußt bleiben, daß wir in einer
Wrndczeit leben, wo Altes versinkt, wo Neues sich langsam entft.ltet.
In solchen Zeiten ist jeglicher Radikalismus vom Nebel." Die geschicht-
lich: Betrachtungsweise lehrt uns, daß alle Entw cklungen eben Ent
wicklungen sind. d. h. organische Zusammenhänge; lehrt uns ferner, wie
sich radikale Unterbrechungen schwer rächen und doch schließlich zum
mindesten zur Abbruchstelle des Fadens zurückführen, falls nicht schlimme
Rückschläge unvermeidlich sind. Die gegenwärtige Lage der inneren
Politik ist nur eine Seite einer allgemeinen Entwicklung Aehnlich lute
in der Kunst und Literatur der Expressionismus eine radikale Reaktion
gegenüber überlebten Auftastungen bedentet, so ist anch gegen die
Diktatur des Kapitalismus eine Reaktion erfolgt, die ihre extremste
Aeußerung in der Forderung einer gegensätzlichen Diktatur gefunden
hat. 'n der Diktatur des Proletariats. Und wie der Expressionismus
sicher nicht das Höchste ist und erst seine eigenen Uebertreibungen über
winden muß. um eine neue höhere Kunstform zu entwickeln, die aber
d:e berechtigten Bestrebungen des Expressionismus venvirklichen ir'ld,
so wird cs auch beim Aufbau unserer sozialen und staatlichen Geme'n-
schaft gehen müssen. Auch für die. die jetzt mit Recht begeisterte An.
Hänger der Demokratie find«, wird es einmal eine Zeit geben und gebe«
müflen. wo sie erkennen, wie viel Schlagworthaftes doch eigentlich diesem
Begriffe ankl bt, wieviel innere Unmöglichkeit; auch sie werden einsehen
lernen, daß wahre Demokratie doch etwas ganz anderes sein muß, als
öde Gleichmacherei, als Mastenherrschaft, wenn überhaupt die in ihr
liegenden positvcn Werte zur Entfaltung kommen sollen. Es scheint,
als wäre der Prozeß der Klärung schon mitten im Fluß. Am deutlich
sten wird das vielleicht, wenn wir betrachten, tvelche Unterschiede sich
bereits aufgetan haben zwischen der theoretischen Sozialdemokratie und
dem Verhalten der sozialistischen Führer, die als Mitglieder der Regie
rung Tatsachen-Politik treiben müssen. Es ist der Weg der Vernunft
der dahin geführt hat. genau so wie er vom Radikalismus von Versailles
zur VernunfftwUtik von Genua führt, (um eine Parallele aus der
äußeren Politik nur anzudeuten). DaS erste Erfordern S für unsere
Gegenwart ist die Weckung und SchSräfung deS Sinnes fürS Praktisch-
Mögliche und -Fruchtbringende, des SinneS, der in Ncbcrgangszeite«
Zeiten allein die Entwicklung organisch weiter zu führen gestattet. Wir
müssen uns bewußt worden, daß wir das Absterben einer Geschichts
epoche miterleben: Die Zeit des Individualismus geht zu Ende, eine
universalistisch gerichtete Zeit tritt an ihre Stelle. In einem seine«
Bücher kennzeichnet der Wiener Nationalökonom Othmar Spann diesen
geschichtlichen Wendepunkt, indem er sagt: „ eine neue Idee will
sich erst gebären, will sich selber erst gestalten. Daher darf man unser«
heutige Zeitwende zutreffend mit Renaissance und Humanismus ver
gleichen. Auch damals wurde eine gewaltsame Abkehr von einer alten
Denk- und Jdeenrichtung gesucht, eine Abkehr von dem christlichen
Mittelalter, von der Philosophie und Lebensaufführung der Scholastik.
Dis Renaissance war die erste Abwendung von dem ständisch-scholastischen
Kollektivismus und Hinwendung zum Individualismus auf der Grund
lage der klassischen Bildung; d e heutige Krise ist die Gegenrrnaiffanee,
die auf eine Abwendung vom Individualismus hinzielt, eine Um
wälzung des Weltgeistes, wenn diese Hegelsche Bezeichnung erlaubt ist."
Spann hat ein Buch vcröftentlicht «Der wahre Staat,
Verlesungen über Abbruch und Neubau der Gesell
schaft.^) Ihm entstammt vorstehendes Zitat, wie auch der ganze
Aufsatz durch dieses gründliche Werk veranlaßt wurde. Seiner Methode
4 ) 808 Seiten, geh. Mk. 26.—; in Halbleinen Mk. 30.—. Verlag
Quelle und Meyer, Leipzig 1921,

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