Sens 130
Pilbagoglsche Post
Nr. v
pgrrer. Spengler will nicht blasierten Lebemännern, übernervösen
Schwächlingen und Feiglingen zu einer ihnen konformen Lebensauf
fassung verhelfen. Sr will die Tat. Ob der Begriff der Tat sich mit
dem des Pessimismus vereinen lädt, erscheint mir zweifelhaft. — Haben
wir den Mut. Unvermeidlichem ins Auge zu sehen, — das können wir
im Sinne einer christlichen Anschauung ja ruhig.— und doch zu wirken.
Dies kann uns Spengler immerhin lehren. Ich bin der Meinung, ge
wisse Ideen von Spengler dürfen und sollen wir katholischen Lehrer
uns ruhig zu eigen machen. Unsere Stellung zum Glauben braucht
deshalb doch nicht anders zu werden. Es kommt eben auf die Aus
legung an, bezw. auf die Grundtendenz, mit der ich an die Lektüre des
Buches, richtiger gesagt, an das Studium desselben herantrete. Lese
ich es als Zweifler, so werde ich gewiß nicht mehr Ueberzeugungstreue
für meinen Glauben daraus ziehen: lese ich es als gottgläubiger Katho
lik, io werden mich die Stellen antichristlicher Tendenz nincht ungläubig
rnaqen.
Der Expressionismus in der Dichtung
Von Heinrich V o r w a l d.
In der Psychologie des künstlerischen Schaffens spielen zwei
Motive eine entscheidende Rolle: das Ansdrucksmotiv, und
das Formmotiv. Der schadende Künstler hat einerseits den
Drang, ein gefühlsbetontes Erlebnis irgendwie zum Ausdruck zu
bringen, anderseits fühlt er den Trieb, diesem Ausdrucksstreben die
Form eines bleibenden Kunstwerks zu geben. .
Ausdrucksmotiv und Formmotiv stehen mm Vielfach im Gegen
satz zueinander. Das Ausdrucksbestreben sucht oft, die Form zu
-erbrechen, weil ihm diese Fesseln anlegt und anlegen must; das
Formmotiv dagegen mutz versuchen, den Ausdnlck wenigstens zu
steigern und zu läutern, wenn überhaupt ein Kunstwerk entstehen
soll. .
Zwischen Formmotib und Ausdrucksmotiö sind nun drei Be
ziehungen möglich. Zunächst fcmn sich höchster Ausdruck inneren
Erlebens mit schönster Formgebung zu einer vollendeten Einheit
verbinden. Das ist das Kennzeichen der klassischen Kunst, wie wir sie
bewundern im Goethe'schen Faust, in Dantes Göttlicher Komödie,
in den Shakcspeare'schen Meistcrdramen. Dann aber kann bei einer
Kunstgestaltung auch das Formmotiv vorherrschen. Der Künstler
hat eine hervortretende Neigung für vollendete Formgebung. Wir
bewundern die fein gesellten Verse, den klaren Ausbau, die herrliche
Sprache, bleiben aber trotzdem oft kalt und gleichgültig, weil daS
Ausdrucksbcstreben zu sehr eingedämmt werden mutzte zugunsten
der Form. Wir reden dann von Formalismus, von manierierter
Kunst, von erstarrten Formen, von klassizistischer Gestaltung. Endlich
Lrnn mich das Ausdrucksmotiv zu stark hervortreten. Große Auf-
wühlbarkeit, seelische Erregungen, ein starkes Vorstellungstreiben
-erbrechen die üblichen Formen und ringen nach neuen Ausdrucks-
Möglichkeiten. Es scheint, alS sei diese- Interesse am gesteigerten
Ausdruck das Hauptmerkmal aller modernen Kunstrichtungen.
Bei dem Suchen nach neuen Ausdrucksmöglichkeitcn kann der
Künstler wieder zwei verschiedene Wege einschlagen, wodurch dann
von selbst zwei grundverschiedene Kunstrichtungen entstehen. Eine
Gruppe von Künstlern wendet sich dem Objekt zu, sucht die Dinge da
drautzetz zu belauschen, ob diese ihm neue Wege weisen zur Gestal
tung. Eine andere Gruppe wendet sich ab von der Wirklichkeit, ver
senkt sich in das Subjekt des Schaffens, lauscht auf das eigene Ich,
um dort das Neue -u suchen. Im ersten Falle entsteht _ der Im
pressionismus in der Kunst, im zweiten Falle der Expressionismus.
Beide Ausdrücke geben aber in der Hauptsache nur die Technll der
neuen Richtungen wieder; ihren Inhalt bezeichnet man wohl zweck
mäßiger mit Naturalismus und Symbolismus.
Bei der Untersuchung dieser verschiedenen Krmrichtungen ist zu
nächst klarzustellen, ob Objekt und Subjekt, ob die Welt und das Ich
zwei verschiedene Dinge bllden, oder ob sie als untrennbare Einheit
zusammengehören. Man ist wohl zuerst geneigt, die Welt und daS
Ich als völlig von einander trennbare Dinge zu betrachten. Die
Welt war zuerst da, das Ich wurde in die Welt hineingeboren, wird
dadurch eines der unzähligen Objekte, die den Begriff „Welt" aus
machen, an dem auch nichts geändert würde, wenn dieses Ich nicht da
wäre. Eine tiefere Betrachtung führt jedoch zu der Erkenntnis, datz
das Ich doch mehr ist als ein Objekt unter vielen, daß es zum
Wesenskcrn der Welt gehört. Es macht nämlich für den Begriff
»Welt" nichts aus, datz sie nun gerade aus diesen und jenen Objekten
besteht, die nun mal da sind. Ein Teil von ihnen könnte ruhig fort
bleiben oder könnte anders gestaltet sein als er ist, ohne daß deshalb
die Welt rein ihrem Belgriffe nach eine andere werden müßte. Und
wie viele Objekte gibt es außer den uns bekannten noch, für die wir
keine Sinne haben, die also auch da sind, ohne datz wir sie mit dem
Begriffe „Welt" verbinden! Das Ich hingegen kann nicht ohne
weiteres wegbleiben. Es kann nicht aus dem Begriffe Welt heraus
gelöst werden, ohne daß sie aufhörte-in dem Sinne Welt zu sein, wie
wir dieses Wort verstehen. Denn es gehört zum tiefsten Wesen
unserer Welt, daß sie stets die Welt eines bestimmten Subjekts ist.
Zwar kann man sich denken, daß es eine Welt gab, bevor ein Auge
da war, daS sie erschaute. Aber die erschaute Welt ist stets eine von
einem Ich erschaute. In der Wett der Erscheinungen haben nur die
Dinge Bedeutung, die Objekte der Wahrnehmung eines Ichs .sind.
Die Welt vor mir bleibt stets meine Welt. Daran ändert auch die Tat.
fache nichts, datz an dieser gleichen Welt noch andere Subjekte teil,
haben. Zwischen den Begriffen Eubickt und Objekt, zwischen Wett
und Ich besteht daher gleichsam eine unterirdische Verbindung. Sie
gehören zusammen. Sie bilden eine Einheit.
. Die Kunst als Darstellung hat nun zweifellos beide Begriffe in
gleichem Matze zu berücksichtigen. Sie stellt Objekte da draußen
dar und schafft dadurch ein neues Objekt, aber sie sieht dieses Objekt
durch ein Temperament, durch das Auge eines Ichs. Jede Dichtung
muß daher cm Doppeltes widerspiegeln: eine Welt, die gevildet
wird, und eine Kraft, die gestaltet. Jedes Kunstwerk soll eine Spie
gelung des Objekts im Subjekt sein, ein Subjekt und Objekt zu»
gleich. Das aber l)aben beide Richtungen vergessen, der Impressio
nismus sowohl als der Expressionismus. Beide sind Einseitigkeiten,
der Impressionismus hat sich zu sehr nach der Objektseite hin orien-
tiert, der Expressionißmns nach der Subjektseite. Der Im
pressionist sckxrut die Dinge nur an mit dem Auge des Leibes, der
Expressionist nur mit dem Auge des Geistes. Hermann Bahr sagt
darüber in seinem Buche über den Expressionismus: „Das Auge
des Leibes verhält sich vor allem passiv: es empfängt, und was ihm
durch den äußeren Reiz angetan wird, ist stärker als seine eigene
Tätigkeit, stärker, als was es selbst dann an dem äußeren Reize noch
vornimmt, während das Auge des Geistes sich aktiv verhält und die
Nachbilder der Wirklichkeit bloß als Stoff für seine Kraft benutzt. . .
Jetzt scheint's, datz sich in der heraufkommenden Jugend mit Heftig
keit der Geist wieder meldet. Vom äußeren Leben weg kehrt sie sich
dem inneren zn, lauscht den Stimmen der eigenen Verborgenheiten
und glaubt wieder, datz der Mensch nicht bloß das Echo seiner Welt,
sondern vielleicht eher ihr Täter, oder doch jedenfalls selbst ebenso
stark ist wie sie. Ein solches Geschlecht wird den Impressionismus
verleugnen und eine Kunst fordern müssen, die wieder mit den Augen
des Geistes steht: dem Impressionismus folgt der Expressionismus."
Die expressionistische Kunst betont also die Subjektseite der Ge
samtwirkung. Es ist dem Impressionismus gegenüber ein völliges
Umwerfen des Steuers, eiue Aenderung des Kurses. Der Ex
pressionist stellt sein Werk außerhalb des Vergleick>es mit der
Wirklichkeit. Er lauscht nur auf sein Vorstellungstreiben, beobachtet
seine seelischen Erregungen, stellt die Welt dar. nicht wie er sieht,
sondern wie er sie sich vorstellt. „Er sieht nicht, er schaut. Er schil
dert nicht, er erlebt. Er gibt nicht wieder, er gestaltet. Er nimmt
nicht, er stiehlt." (Edschmid.) Zwar kann auch er sich nicht voll
ständig vom Objekt loslösen, da er ja selbst wieder ein Objekt schaffen
will. Aber es hat seine beherrschende Stellung verloren, es ist zn
einem verhältnismäßig unwichtigen Gliede im Kunstprozeß herab
gesunken, es ist gleichsam nur noch die Brücke zwischen den seelischen
Erregungen des Künstlers und denen, die ihm lauschen. Der Ex
pressionist betrachtet den Impressionismus als eine Fesselung an
daS Objekt, wodurch ein reiner Ausdruck nicht möglich sei. Deshalb
lehnt er jede von außen kommende Form, ob Kunstform oder Natur
form, ab. Sein Vorstellungstreiben soll sich in voller Freiheit, un
gebrochen und unabgelenkt, ausdrücken. Alles das sind ja freüich
nur Worte, die ans den Sachverhalt hinweisen, ihn nur andeuten
können, ihn nur ahnen lassen. Es ist schwer, ihn klar zu beschreiben,
wie ja alle metaphysisck)en Beziehungen schwer zu schildern sind.
Der Expressionist nennt seine Kunst gern die „Stimme der
menschlichen Verborgenheiten". Die Verborgenheiten seines Innern
schleudert er uns in seinen Dichtungen entgegen. Wie ein hinreißen
der Gefühlsausbruch sollen sie auf uns wirken. Deshalb bewertet er
auch die Darstellungsmittel seiner Kunst geschah. Der Klang der Worte, il>- eigenartiger Unterton, ihre
sinnliche Wirkung bedeuten ihm mehr als der begriffliche Inhalt.
Man weiß ja, welche Fülle von Empfindungen und Vorstellungen
oft verknüpft sind mit einem einzigen Laut, einem kurzen Wort,
einen: hingehauchten Seufzer. Dieses Wissen benutzt der Ex
pressionist, wenn er in seinen Werken mit den primitivsten Mitteln
des Ausdrucks arbeitet. Ob wir ihn verstehen, kommt gar nicht so
sehr in Betracht. Entscheidend ist, daß die Worte, die er gebraucht,
den Erregungen seines Innern, den Aufstanden seines Herzens ent
sprechen. Da „sirrt" und „glast" und „raglastert" es. Ein Auge
„Nützt" durch das Guckloch. Die Nacht ist „mondperl". Was aber
„Zeterzacken", „Silberschlitze" und. „Rieselbäume" sind, kann ich
beim besten Willen nicht erraten.
Sehr oft trifft man in den expressionistischen Dichtungen auch
Einwortzeilen und Knrzsatzbildungen, die wie abgebrochene Schreie,
wie scharfe Sigirale, wie aufblitzende Lichter wirken. Der Ex
pressionist
meidet strahlende Akkorde.
Er stößt durch Tuben, peitscht die Trommel schrill.
Er reißt das Volk auf mit gehackten Sätzen."
(Johannes R. Becher.)
Dem innersten Wesen des Expressionismus entsprechen auch die
eigenartigen Bstder, die seine Anhänger gebrauchen. Wenn man
einmal mit geschlossenen Augen sein eigenes Vorstellungstreiben
beobachtet, dann kann eS wirklich vorkommen, daß „die Allee der
grünen Bäume der Sonne zugeht"« oder die Amseln wie Trauer

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