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Pädagogische Post
SK. 10
L
Ueber Lehrpläne.
Eine pädagogische Plauderei von I. Pötsch.
Unser letzter Lehrplan sind die „Allg. Bestimmungen vom 15.
Oktober 1872" und die dazu ergangenen ministeriellen Anweisungen
Vom 31. Januar 1908. Sie sind durch den Lehrplan für die Grund,
schule aufgehoben. Allerdings scheint man sich in Berlin nicht klar
zu sein über den Unterschied von Lehrplan und Stoffverteilungs
plan. Denn es wird in dem Erlaß vom 16. März 1921 von „Richt
linien über die Aufstellung von Lehrplänen für die Grundschule"
gesprochen. Nach diesen Richtlinien sollen die Lehrpläne umge
staltet werden. Hier liegen Begriffsverwechselungen vor; denn die
Lehrpläne dürfen von den einzelnen Schulen nicht abgeändert wer
den. . Sie sind feststehende Vorschriften für sämtliche Schallen der
selben Gattung, hier also der Volksschule, für das ganze La rd.
Nach diesen Vorschriften des Lehrplans ist für jede einzelne Volks
schule ein ihren Verhältnissen entsprechender Stoffverteilungsplan
aufzustellen. Der Lehrplan ist also das Allgemeine, der Stojsver.
teilungsplan das Besondere. Der Lehrplan gilt für alle Schulen
des ganzen Landes, der Stoffverteilungsplan für eine ganz be
stimmte Schule. Der Lehrplan muß deshalb allgemein gehalten sein.
Er stellt Ziele für die Schularbeit auf und zwar sowohl für die
ganze Schule wie für Telle derselben, nennt und umgrenzt die
Stoffgebiete und gibt Grundsätze für ihre Behandlung. Die Aus
wahl für besondere Fälle (einklassige und mehrklassige Schllleu,
Schulen in der Stadt und auf dem Lande) hat der von jeder Schule
aufzustellende Stoffverteilungsplan zu besorgen. Es ist also nicht
Aufgabe des Stoffvertellungsplanes, Lehvgrundsätze oder Unter
richtsziele auszustellen, das ist Sache des Lehrplans. So fordert es
schon die Einheitlichkeit des Schulwesens eines Landes. Der Lehr
plan hat die von der Einheitlichkeit zu fordernden allgemeinen
Richtlinien zu bieten, die Stoffverteilungspläne haben den beson
deren Verhältnissen.der einzelnen Schulen Rechnung zu tragen.
Lehplüne sollten deshalb selten, nur aus zwingenden Gründen, ge
wechselt werden. Stoffverteilungspläne aber sollten stets nach den
gemachten Erfahrungen im Unterrichte verbessert werden. Am
Schluffe des Jahres sollte man einmal Schultagebuch und Stoff
verteilungsplan miteinander vergleichen.
Ern Grund zur Abänderung des Lehrplans ist dann gegeben,
wenn die kulturellen und wirtschaftlichen Verhältnisse eines Landes
sich wesentlich geändert haben. Denn die Schule soll der Zeit Rech
nung tragen. Es ist eine Ueberschätzung der Schularbeit, wenn mau
glaubt, durch sie neue Berhältniffe schaffen zp können. Sie kann
neuen Ideen Verbreitung geben, aber sie nicht schaffen. Erst find
die neuen Ideen und Zeitrichtungen da, und dann pochen sie an die
Schultüre und verlangen Berücksichtigung. Deshalb sucht jede poli.
tische und wirtschaftliche Partei die Schule vor ihren Parteiwagen
»u spannen. Dagegen muß sich die Pädagogik zur Wehr setzen.
Fast niemals hat es sich deutlicher gezeigt, wie wenig hie Pädagogik
in Schulfragen zu sagen hat, als bei der Schaffung einer Reichs-
verfaffung. DaS ganze Bildungswesen ist nur nach parteipolitischen
Rücksichten gestaltet worden, von Pädagogik keine Spur. Es stießen
die verschiedenen Welt- und Lebensansck-auungen aufeinander: die
gläubige, die liberal istische und die atheistische, und dementsprechend
sieht denn auch die Reichsverfassung aus. Sie ist ein Kompromiß
dieser Weltanschammgskämpfe. Wenn sich der Deutsche Lehrer
verein mit aller Gewalt und allen Mitteln für eine Gemeinschafts
schule ins Zeug legt, so beweist er damit nur, daß er ein politischer
Verein ist und kein pädagogischer. Denn die Gemeinschaftsschule ist
vom pädagogischen Standpunkte aus die schlechteste, die es geben
kann. Und tvenn nun der Deutsche Lehreroerein mit so großer
Energie für sie eintritt, beweist er nur. daß er frei ist von Päüa-
gogll, daß er nur noch der Schrittmacher ist für die Sozialdenrokatie.
War es nun notwendig, die „Allg. Bestimmungen" beiseite zu
setzen'? Hatten sich unsere wirtschaftlichen und kulturellen Verhält
nisse so verändert, daß die Schule nicht mehr zeitgemäß war, daß
sie den Anforderungen des Lebens nicht m«chr Rechnung trug?
Man kann die Frage wohl br sahen. Als die „Allg. Best." nach dem
Kriege 1870-71 ins Leben traten, begann erst der wirtschaftliche
Aufschwung Deutschlands, während seine Staaten bis dahin
agrarischen Charatter trugen. Aus einer Großmacht wurde- eine
Weltmacht ersten Ranges. Auch die kulturellen Verhältnisse haben
sich geändert. Die Geister haben sich mehr denn je geschieden in
gläubige und ungläubig. Ganze Volkskreise haben dem Christen
tum den Rücken gekehrt und verlangen eine religionslose Schule.
Auch die staatlichen Berhältniffe sind anders geworden. An Stelle
des Kaiserreichs ist eine Republik getreten. Das alles war wohl
Grund genug, die Schule auf die neue Zeit einzustellen. Die Schule
darf nicht hinter der Zeit einherhinken. Schon Sailer mahnt, den
.Schüler aus seiner Zeit heraus für seine Zeit zu bilden.
Der Lehrplanverfasser muß sich zunächst klar sein über das zu
erreichende Ziel. Es mutz wohl vom Leben bestimmt sein, darf aber
nicht im Leben haften: denn der edelste Teil im Menscl?en reicht weit
über das Leben hinaus, ist Gottes. Und deshalb kann das Bil-
dungsziel nicht rein diesseitia sein.
Du bist nicht da für diese Welt,
Dein Ziel ist nicht auf Erden,
Du sollst, wenn dieie Hütte fällt.
Ein Himmelsbürger werden.
Darauf muß die Erziehung in der Schule Rücksicht nehmen, das
muß auch der Lehrplan tun. Aber weil nicht mehr alle dieses Glau
bens sind, weil nicht mehr alle an ein besseres Jenseits glauben,
scheiden sich hier die Geister. Warum will man die Simultanschule,
die religionslose Schule, die Weltanschauungsschüle? Weil man
mit dem geoffenbarten Christentum gebrochen hat. Deshalb ist das
Lehrgebäude einer christlichen Schule ein ganz anderes, als das
einer Simultansckmle oder" einer religionslosen Schule. Und deshalb
kann nicht derselbe Lehrplan für konfessionelle und für andere
Schulen gelten. Ja, bisher hatten wir einen Lehrplan, aber wrr
hatten auch nur eine Art von Schulen, die Konfeffionsschule. Irr
Zukunft wird das aber nicht der Fall sein. Die Zuttrnft wird uns
vier Arten von Schulen bringen: Gemeinschaftsschulen, Konfessions-
schulen, religionslose Schulen und religionslose Weltanschauungs
schulen. So gut die anderen nun sich von der bisherigen Schule,
der Konfessionsschule, lossagen und Schulen ihrer Weltanschauung
haben wollen, so gut wollen wir unsere Schulen haben mit einem
unseren Grundsätzen entsprechenden Lehrplan. Es war deshalb
voreilig, daß uns schon im März 1921 das preußische Minist.:rium
für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung mit einem Lehrplan für
die Grundschule beschenkte und zwar für alle Schularten ohne Aus
nahme. So wenig es im Reiche gelingt, eine einheitliche Schule zu
schaffen, so wenig wird es Prußen gelingen, einen Einheitslchrplan
zu schaffen.
Die Schule soll nämlich nicht nur Kenntnisse vermitteln, sie soll -
auch eine Erziehungsschnle sein. Da ist denn die erste Frage: Wozu
soll erzogen werden? Die Beantwortung dieser Frage ist abhängig
von der Weltanschauung, die man vertritt. Anders antwortet der
Achheist, anders der liberale, anders der gläubige Christ. Aber,
könnte inan vielleicht fragen, gibt es denn kein att«n gemeinsames
Ziel? Gibt es kein Erziehungs- und BildungSziel für Katholiken,
Protestanten, Atheisten, Juden usw.'? Die Einheitsschulfteundo !
sind ja der Ansicht, scheinen es zu sein.
Aber ich stelle ihnen folgende Fragen zur Beantwortung: Gibt
eS. wenigstens für das Kind, eine. Moral ohne Religion? Ist die
deutsche Kultur zu erfassen ohne das Christentum? Gibt es ein
Christentum ohne Konfession? Wie sehen die Religionsübungen deS
konfessionellen Christentums aus? Kann man die Religion ans dem
Lebe« und damit aus der Erziehung ausscheiden? Hat die Er
ziehung nicht die Aufgabe, für das Leben, d. h. doch die Lebens
gemeinschaften, zu erziehen? Nkm sollte doch endlich einmal die
Phrase des allgemeinen Menschentums beiseite lassen. Es gibt
keinen allgemeinen Menschen, sondern'Deutsche, Franzosen, Eng
länder Es gibt keinen allgemeinen Christen, sondern Katholiken.
Protestanten. Es gibt keine allgemeine Srrppe, sondern diese oder
jene Suppe. Für das Leben erziehen heißt doch nicht, sich ein Leben
zurechtzulegen, sondern sich auf den Boden derTatsachen zu stellen,
das heißt das Leben so nehmen, wie es ist. Da das Leben Konsts-
fionen aufweist, kann auch die Schule nicht an ihnen vorbeigehen.
Und deshalb ist das Natürliche: Konfessionsschulen. Ge
meinschaftsschulen, die nur Ztvangsschulen sein könnten, sind eines
demokratischen Staates unwürdig.
Oder verlangt etwa die Pädagogik Gemeinschaftsschulen? Ich
kenne keinen konsequenten Pädagogen von Ruf, der für sie einge
treten ist. Die Pädagogik verlangt ein einheitliches Unterrichts-
und Erznhungsziel. einheitliche, geschlossene Gedankenkreise, einen
einheitlichen Lehrerstand. Nichts von dem ist in der Gemeinschafts
schule anzutreü«^ Sie ist eine Schule der Zwietracht, des Aus-
cinanderstrebens^Denke man doch einmal: es stehen nebeneinander
an derselben Arbeit katholische, evangelische, jüdische, atheistische
Lehrer. Glaubt man denn wirklich, sie würden in demselben Geiste
unterrichten? Nie und nimmer! (Forts, folgt.)
Die Mundart in unserem neuen Lesebuch.
Max Meurer, Düsseldorf.
Die Frage nach der Verwendung unserer Mundarten in
den allgemein-literarischen Bänden des kommenden Lese»
Werks ist in der Essener Lesebuchkommission eingehend .
geprüft worden und hat bereits zu grundsätzlichen Be
schlüssen geführt. In den folgende Zeilen soll nun versucht werden,
einige Anregungen für die Lösung der andern Aufgabe zu geben:
Wie berücksichtigen wir die Mundart in den neuen
Heimatbänden?
Schon die Tatsache, daß eigene Heimarbücher geschaffen werden,
'beweist, welche besondere Bedeutung die Lehrerschaft der heimischen
Literatur beimißt. Miit Recht; denn in dem Gesamtspiel der Kräfte
welche die neue Heimatschule gestalten, stellt die heimische Dichtkunst
eine sehr starke, wenn nicht die stärkste Kraft dar. In ihr spiegelt
sich die Seele der Heimat am treuesten wieder.
Mit dieser starken Betonung des heimatlichen Grundgedankens
tritt das neue Lesewerk in bewußten Gegensatz zu uni ern alten
SckMbücher». Auch dort gab es ja wohl Heimatdichtung
%

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