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Pädagogische Post
Nr. 10
Prüfung sein. nicht, daß dann unreife Früchte der Jahreszeit zutage
gefördert werden wie Pestalozzi sich ausdrückt. Ich habe es zu meiner
Freude gehört, daß die Negierung die Absicht hat. eine Reform
der Reifeprüfung vorzunehmen. Ich möchte bitten, einzigen und letzten
Artikel in der neuen Bestimmung sein zu lassen: an ausgewählten
Stoffen aus der Prima soll die geistige Reife erwiesen werden. Es
oll nachgewiesen werden, ob Urteil und geistige Auffassung vorhanden
st. Dazu kann natürlich der Lehrer bei der Reifeprüfung keine ab
gearbeiteten Menschen haben; dazu braucht er lebendige und frische.
W-r geben sehr gern zu. daß das neunte Unterrichtsjahr bleiben
soll. Aber dann verwende man diesen letzten Abschnitt auf der Schule
auch in der rechten Weise. Am schlimmsten steht es doch eigentlich um
die Externen, die nach der alten Weise geprüft werden. Sie haben ja
das Veste gar nicht mitbekommen. Das Beste ist doch nicht das, was
in der Prüfung nachgewiesen wird. sondern das was der Lehrer in
stillen und weihevollen Stunden gab. wo niemand zusieht, wo niemand
kontrollieren kann. in Stunden, wo der Lehrer einmal mit Mutze ohne
Examcnhast in die Tiefe gehen kann, wo das Auge des Schülers im
Auge des Lehrers ruht. Stunden, an die tvir alle als an Weihestunden
unseres Lebens m Dankbarkeit gern zurückdenken.
Wir wollen nationale Erziehung im Sinne FichteS, und wir wissen,
datz dazu besonders Geschichte, aber auch die Erdkunde, wenn man
ihr einen breiteren Raum geben wollte, geeignet sind. Wir wünschen
die Hingabe an das Ganze, wir wünschen den Sinn für Wahrheit
und Gerechtigkeit. Ich gebe der Frau Oventrop gern recht, wenn sie
sagt, datz auch die Naturwissenschaften geeignet sind. sittliche Menschen
zu erziehen. Gew-tz, sie vermögen zn erziehen zur Ehrfurcht, auch
zur Pietät und nicht zum wenigsten zur Wahrheit, zur Willensläute
rung. Wie sogt doch der Räuber Mohr im Anblick der untergehenden
Sonne weinend? Er sagt: Ich habe immer in meiner Jugend mir
gewünscht, unterzugehen rein wie sie.
Zur harmonischen Ausbildung des Menschen gehört ohne Zweifel
auch die körperliche Erziehung. Der Körper ist gewissermaßen Panzer
und Küraß der Seele. An der Forderung der Errichtung einer Hoch
schule für Leibesübungen im Westen halten wir unbedingt fest. Wir
wünschen eine weit stärkere Betätigung im Spiel. Man hat gesagt,
die rasche Entschlossenheit des Engländers beruhe darauf, daß er sich
. so sehr im Spiel bewegt habe.
■ . (Sehr richtig! bei den D-Rlem.)
Der Gemeinschaftssinn wird durch das Spiel gehoben, und eins ist
noch besonders wesentlich. Die Spielenden unterstellen sich der Spiel
regel als einem für alle geltenden Gesetz, und sie lernen damit auch
etwgö vom Staatsbürgertum. Sie lernen cs, freiwillig und gern sich
dem Gemeinschaftsgedanken anzupassen. Ganz gewitzt das Spiel ist
eine echt demokratische Einrichtung. Und ein Letztes, das Höchste: Sinn
für Wahrheit und Gerechtigkeit wird durch das Spiel gewonnen. Wir
sehen ja, wie die Kinder erbittert sind, wenn irgend jemand zu täuschen
versucht oder die Spielregel umgeht.
Bei allem bleibt doch letzten Endes entscheidend der Lehrer. Nicht
die Technik macht den Bildhauer, sondern daß er Seele in sein Werk
zu legen vermag. Im höchsten Grade gilt das zweifellos von dem
Menschenbildner. Inneres Wachstum soll er fördern; dabei kann er.
.. wie ein großer Geist einmal sagte, nur das leisten, daß er gewisser-
^masten dem Haschen der Natur nach ihrer eigenen Entwicklung Hand-
Islurcrbicnite leistet. Er soll mitbringen ein warmes Herz für das
. Bildungsgut; aber er muß doch auch die Eigenart seiner Schüler
kennen, und von dem Standpunkt aus hatte ich einen Antrag gestellt,
den ich allerdings nachher der Vereinbarung gemäß wieder zurück-
gezogen habe. daß unsere jungen Studenten in höherem Maße als
bisher in d>e Psi-chologie eingeführt werden sollen. Der eben er
wähnte Pestalozzi sagt einmal: braucht auch ein Bauer seinen Ochsen,
ohne ihn zu kennen? Und fügt' hinzu: ist eure Weisheit, ihr Lehrer,
Kenntnis eures eigenen Geschlechts?
Gestatten Sie mir noch einige Ausführungen zu dem höheren
Mädchenschulwesen. Das weibliche Geschlecht hat in mühsamen
c Kämpfen sich eine gewisse Gleichberechtigung erwerben müssen; lange
Kämpfe hat es gekostet, und nicht die Schlechtesten der Frauenwelt sind
. es gewesen, die immer wieder Opfer gebracht und sich immer wieder
für die Gleichberechtigung der wissenschaftlichen Frauenbildung ein
gesetzt haben. Wenn man gestern die Frauen hier sprechen hörte, dann
Hang noch immer so etwas von Angst hindurch, daß diese Gleich
berechtigung durch dieses oder jenes gestört werden möchte. Auch wir
wollen ebenso wie die andern, die hier gesprochen haben, diese wissen
schaftliche Bildung der Frauen hochgehalten wissen. Aber ich kann mich
dem Herrn Kollegen Schuster doch nur anschließen, wenn ich sage:
wir wollen nicht vergessen, daß das deutsche Volk auch Hausfrauen und
Mütter nötig hat. Wir freuen uns. daß der Herr Minister die Neu-
gestallung der Lyzeen und Oberlyzeen und auch der Frauenschulen ins
Auge gefaßt hat. Wir wünschen, daß der Einfluß der Frau in der
Schule gestärkt wird.
* Wenn ich von den Frauenschulen spreche, so bedauere ich, daß an
solchen Anstalten selbst dann, wenn sie 18 oder mehr Klassen haben,
wenn sie über 800 Schülerinnen zählen, dem Direktor die Bezeichnung
»Oberstudiendirektor" verweigert wird. Wie will das Ministerium das
rechtfertigen?
>1 (Sehr richtig! bei den D. Dem.)
Wir sind als Demokraten nicht für Privatschulen; aber eS ist
leider so. datz wir eS bei dem Bildungswesen der Mädchen sehr haben
fehlen lassen. Staat und Gemeinde haben hier lange Zeit ihre Pflicht
nicht getan, und in der Uebergangszeit bestehen auch für den Staat
gewisse Verpflichtungen. An diesen Anstalten haben wir seminaristische
Etudienräte und Studiendrektoren. Wir wünschen, daß das ihnen zu
erkannte Recht der Gleichberechtigung aufrechterhalten wird.
i Der Herr Ministerialdirektor hat auf meine Anfrage wegen der
veueu Dienstanweisung erklärt, daß wenigstens ein freies Konferenz,
recht kommen soll. Wir freuen uns dessen. Wir wünschen, daß die
Pflichtstundenfrage nicht in dem Sinne behandelt we^de, wie es der
Deutsche Städtetag verlangt hat. Der geistige Arbeiter bedarf der
Frische, und seine Tätigkeit soll nicht zur Maschinenarbeit herabsmkcn.
Ten gemeinsamen Antrag in Bezug auf die Gleichstellung der
Philologen mit den Juristen werden wir gern unterstützen. Wir sind
nicht der Meinung, daß nur die Studienräte, sondern auch die oberen
Stellen in Frage kommen müssen. Vielleicht überlegt der Herr
M.nister. ob. er das Wort Oberschulrat nicht doch wieder aufhebt und
eine andere Amtsbezeichnung, sei eS wieder den alten Provinzml-
schulrat einführt. Die Bezeichnung «Oberschulrat" wird der bedeut
samen Stellung dieser Beamten durchaus nicht gerecht. Den Direk
toren der Provinzialschulkollegien gebe man die Amtsbezeichnung
Präsident.
Wir freuen uns, daß im Beamtenausschuß beschlossen worden ist-
die seminaristischen Lehrer zu ordentlichen Lehrern ihrer Anstalten zu
machen, und daß die Regerung erklärt hat. dem bald stattgeben zu
woelln. Die Obrzeichenlchrer soll man nach dem Dienstalter ernennen.
Wir wünschen die Gleichstellung der Lehrer und Lehrerinnen an den
Mädchenschulen, die nicht vorher Seminarlehrer bezw. Seminarlehre-
rinnen waren, mit dieser Kategorie.
Ich mochte den Herrn Minister bitten, die Frage der höhere«
Schule in Liegnitz noch einmal nachzuprüfen.
(Sehr richttg! bei den D. Dem.)
Es wurde mir im Ausschuß erwidert, daß die Schuld an der Stadt
liege. Ich will den Streit zwischen der Stadt und Regierung nicht
untersuchen, meine aber, die Lehrenden und Lernenden sollten unter
einem solchen Streit nicht leiden. Ich bitte, die rechte Berücksichtigung
der Lehrpersonen in dem sogenannten abgetretenen Gebiete zu zeigen.
Unser gnzes Schulwesen, auch das höhere Schulwesen, leidet unter
der materiellen Not. Was Herr Schneider gestern gesagt hat, läßt sich
auf einen berechtigten Kern zurückzuführen. Wir sind noch weit von dem
Gedanken entfernt, daß die höhere Schule die Schule für die höher
Beanlagten sein soll.
(Sehr wahr!) ,
Sie 'st und bleibt auch noch heute die Schule der durch die Geburt
Ausgezeichneten.
Die Schulgeldfrage wird eine ernste Prüfung nötig machen. Wir
können nicht wünschen, daß nächstens nur der neue Reichtum sich auf
den Bänken in diesen Schulen breitmacht.
(Sehr gutl)
Wir unterstützen gern den gemeinsamen Antrag in Bezug auf
die Fahrtverbrll gung der Schüler. Wir wünschen aber. daß aus
drücklich festgelegt wird, daß auch den zu den Universitäten fahrenden
Studenten diese Vergünstigung zuteil werde.
(Sehr wahr!)
Wir fteuen uns. daß der Herr Minister erklärt hat. daß er für
die materielle Not de8 pädagogischen Nachwuchses volles und ganzes
Verständnis hat, für die traurige Lage der Studienreferendare und
-asiessoren. Ich brauche nicht eigens zu erklären, daß wir wünschen,
daß auch der weibliche Nachwuchs der Wohltaten zuteil wird, die dem
männlichen im Hauptausschuß zugesagt worden sind.
Meine Damen und Herren, wahre Demokratie ist Führerauslese«
und von dem Standpunkt aus möchten wir wünschen, daß die wahren
Besten unseres Volkes bis in die tieflten Schichten hinein der höheren
Bildung teilhaftig gemacht werden können. Dann wird die Demo
kratie zur Aristokratte in des Worte» schönster und bester Bedeutung,
und dann w rd das Volk solchen Führern, die ihrer persönlichen Tüchtig
keit, ihrem eigenen Wert die Führerschaft verdanken, gern folgen.
(Sehr wahr! bei den D. Dem.)
Der neue Herr Minister hat sich schon manches nachsagen lassen müssen
— hier hat man schon allerlei von rechts gehört —. In einer ganz
rechtsstehenden Zeitung las ich —, daß btt neue Minister Furcht vor
der Masse hat. Das ist die Kost die wir seit drei Jahren immer wieder
haben genießen müssen. Nicht Furcht vor der Masse gibt eS. aber Liebe
zu der Masse noch dem Worte des einen Reinen und Heiligen, von dem
ich kein schöneres Wort kenne als das eine: mich jammert des Volkes.
Wer aber wissen will. wie er sich zur Masse zu stellen hat. lese einmal
nach, was der große Gelehrte in Königsberg, Kant. darüber gesagt hat.
Dem Herrn Minister aber möchte ich in diesem Zusammenhang e n
Wort zurufen, das sein geistvollster Vorgänger — auch Herr Dr. Becker
wird sich das Wort gefallen lassen müssen —> nämlich ein Mann, der
sich durch Adel der Geburt, aber auch durch Adel der Gesinnung aus
zeichnete. von Humboldt sprach, der einmal sagt: «ES gibt nur zwet
gute Potenzen in der Welt, Gott und das Volk. Was dazwischen liegt"
— er meint das Fürstentum — «taugt rein gar nichts Wir aber
taugen nur insofern etwas, als wir unS zu unserem Volke stellen."
(Lebhafter Beifall bei den D. Dem.)
Präsident Leincrt: Die Besprechung ist geschlossen. Das Schluß
wort wird von dem Herrn Berichterstatter nicht verlangt.
(Fortsetzung folgt.)'
»nnnMrrrrrrrTnniTMirTrmniiii'iinmniiwrm-rmiiim«nTrni mutn nur
1 K?
Aus den Vereinen.
* 1
Katholischer Lehrerverband des Deutschen Reiches.
An die Verbandsmitglieder!
Me „Zeitschrift für christliche Erziehungs
wissenschaft", Organ des Kath. Lehrerverbandes des Deutschen,
Reick-es, wird mit Beginn des neuen Jahrganges in größerem
Umfange erscheinen. Der wissenschaftliche Teil soll
weiter ausgebaut werden; neben der wissenschaftlichen und
schulpolitischen Seite wird unter dem Doppeltitel „Arbeits
gemeinschaft-Schulpraxis" ein drittes Gebiet von fach
kundiger Hand bearbeitet und gepflegt werden. Diese wertvolle.

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