Nr. 11
Piiöaaoalsche Post
bette 167
Schern« bringt nach und nach Erstarrung statt Leben. Aeußerlichkeit
statt Innerlichkeit, es artet aus zu Halbheiten, Pfuschereien und
Spielereien. Schließlich ist moralischer und sozialer Schaden die
Folge. Das Kind steht noch zu sehr unter dem Impulse des Sinnes
und Trieblebens. Es bedarf vielmehr dauernder positiver Hinweise
und Einwirkungen eines Führers, damit allmählich durch Steige
rung des Intellekts ein vernünftiges Wollen entwickelt ivird, das
zur sittlichen Tat frei und bewußt drängt. Die Schulklasse, als
Gerrreinschast, ist von jeher als Ausgangspunkt und Neranschau-
lichungsmittel methodisch verwertet worden. Die Selbstverwaltungs-
lätigkeit soll gepflegt werden, soweit sie sich auf das Gebiet der
Schulzucht, Hygiene erstreckt und sofern sie die Lehr- und Lernarbeit
fördern hllft, hauptsächlich aber dahin wirkt, daß die Berstand.'?-
arbeit der Schule daheim und draußen in die Tat umgesetzt wird.
Dabei muß aber der Lehrer als Führer die zielbewußte Leitung
behalten.
Die der Selbstvertvaltungstätigkeit zugrunde liegenden Prin
zipien, wie Entwicklung zur Selbstdisziplin, znm Verantwortlichkeits
gefühl, staatsbürgerlichen und demokratischen Denken und Fühlen
müssen selbstverständlich Unterricht und Erziehung verwirklichen.
Zum Werden und Gedeihen einer solchen Ethik gehören aber Jahre,
ja Jahrzehnte, nur langsame organische Entwicklung unter positiver
Mitwirkung echter, sittlicher, deutscher Führcrpersönlichkeiten. Dann
wird der Gedanke der wahren Demokratie als kategorischer Impe
rativ in den Massen lebendig Weden, ohne Zwang, ohne System,
doch mit innerer Freiheit und starkem Bewußtsein.
Randbemerkungen zu dem Aufsatz: Zur
Verwirklichung des demokrat. Gedankens.
Von Schöneberger, Düsseldorf.
"An Zweies dacht ich oft
An einen Fisch, der's Wasser scheute.
Und eine Eul'. die's Dunkel floh."
So bezeichnet Ibsen den Kontrast zwischen dem Ideal und der
Wirkllchke.t. zwischen dem Dinge, so wie es fein soll und dem Dinge,
-so Uue.es ist. Auch die Verwirklichung des demokratischen Gedankens
in der Schule durch das Schulstacrtsyjiem ",st solch' Eule. solch' ein
Kisch." Theoretisch zwar nicht, da ist der Fisch gar ein Ideals.sch, der
nicht ferg den Strand entlang zappelt, eine Idealeule, die nicht davor
bangt, des Lebens Nacht zu leben. Aber in der Wirklichkeit,'der Praxis,
sehcii^sje tvesentlich verändert aus.
Soll der im Thema enthaltene Gedanke für die Volksschuke wirk
liche praktische Bedeutung gewinnen, so muß er vom Kinde verstcmds-
uiäßlg ersaßt und von einem gewissen lebenskundigen Gefühl begleitet
fern. Lb dieses Ziel von der Mehrzahl unserer Volksschulkindcr (und
darauf kommt es doch wohl an) erreichbar- ist. wird mehr und mehr
bezweifelt. Wie tst eS zum Beispiel mit dem Verständnis bestellt, das
die Kinder einer NeichstagSsitzung. dem Verlaufe derselben entgegen
bringen? Täuschen wir uns doch nicht mit Willen; fragen wr unS
tnci ganz ehrlich, ob wir. die wir Erwachsene sind und mehr Lebens-
Erfahrung und vielleicht ailch mehr Routine haben, ob uns alles ver
ständlich »st. Und dann frage man noch zum Ueberflusie einen Arbeiter,
um dessen Verständnis festzustellen. Man w rd über die große Menge
des Un- und Mißverstandenen staunen. Und dann verlangen wir das.
tvaS uns Erwachsene oft nur mit Mühe. und dann vielleicht noch nicht
mul, unser Eigen wird, von den neunjährigen Kindern. Die Forde
rung des inneren Verständnisies muß durchaus aufrecht erhalten blei
ben. sollen die Kinder zu bewußt lebenden Staatsbürgern erzogen wer
den. Andernfalls artet d'-e Selbstverwaltung nur in eine Spielart auS,
wie ick schon mehrmals zu beobachten Gelegenheit hatte. Einen Ver
gleich zu ziehen mit gleichalterigen Kindern höherer Schulen halte ich
für unstatthaft ans mehreren uns hrer nicht weiter interessierenden
Gründen. Wenn ich übr gcnS recht informiert bin. ist auch auf den
höheren Schulen in Düsseldorf bei neunjährigen Kindern der Selbst-
veiwaltungSapparat größtenteils stillgelegt worden. Einzelne höhere
Klaffen haben sogar abgelehnt, von der Selbstverimiltung Gebrauch zu
modjen.
Gesetzt den Fall, die notwendigen geistigen Vorbedingungen feien
gegeben, um dem demokratischen Gedanlen praktische Gestalt verleihen
zu können (den Lehrer» dem d es bei solch jungen Kindccm wirklich
gelingt, werde ich doppelt ehrfurchtsvoll grüßen), dann wird zur Wahl
geschritten. Wen werden die Kinder wählen? Mit der größten Be
stimmtheit wird eine Führernatur gewählt werden und solche, die dieser
nabebeftchen. An sich wäre dieser Umstand ja sehr begrüßenswert, hätte
er nicht seine großen Schattenseiten. Die gewählte Führernatur stt
leider gar zu oft kerne ideale, sondern eine solche, die nicht innerhalb der
Schulwände, wobl aber auf der Straße ihren Kameraden zu imponieren,
solche, die auf ihre Mitschüler oft einen sehr zweifelhaften Einfluß aus.
zuüben vermögen, die imstande sind. einen sehr gefährlichen Klassengeist
zu züchten und cs dem Lehrer recht sauer werden lassen, einen irre-
geleiteten Klassengeist wieder ui die richtige Dahn zu lenken. Eine
solche fehlgeleitete Klaffe,ipolitik ist gefährlicher als die extremste For
derung der Kommunisten. In diesem Zusammenhang sei an die Effener
Schnlkrawalle eriiinert, wobei die Schüler die tvahnwitzigsten Forde
rungen gestellt haben. (Absetzung nicht genehmer Lehrer, freie Erotik
usw.) klm solche Verfehlungen zu verhüten, ist der Lehrer gezwungen,
nicht gerade den begrabenen Schuldrill wieder zum Leben zu erwecken,
Wehl aber zu seinr verstaubten, absoluten Autorität seine Zustacht zu
nehmen — also sin Moment, wodurch das DerwaltungSsystem nicht ver-
fojsungsgemätz beeinflußt wird. Hier durch Belehrung Wandel schaffen
zu wollen, wäre ein müßiges Beginnen, weil bei den Kindern die unbe
dingt notwendige Einsicht fehlt. Greift der bedrängte Lehrer zum
verfassungsmäßigen Mittel und »löst den Reichstag" auf, so daß Neu
wahl erfolgt, dann ist eine nicht zu unterschätzende OppoiUwnsparrer ge
schaffen, welche die neugewählten braveren Elemente einschüchtert (auf
ein paar blaue Augen und auf ein paar kräftige Rippenstöße kommt e»
ihr gar nicht an — getreue Kopie deS wirklichen Reichstages). Dis
Neugewählten worden ihres Amtes nicht froh, danken schließlich ab,
oder suchen durch allerlei Kompromisse die Gunst der gefürchteten Par
te- zu erringen — zum Nachteil des ganzen Gedankens.
Eine weitere Frage ist nun die: Wie faffen die Gewählten ih»
Amt auf? Die meisten werden sich von ihren Gefühlen der Sympathie
und Antipathie leiten lassen, tveil sie infolge ihres jugendlichen Alters
Pflichten und Rechte eines Amtes von ihren alltäglichen Gefühlen „och
nicht zu trennen vermögen. Sie werden die ihnen gewordene Macht
mehr oder weniger mißbrauchen, den Günstling bevorzugen, dem Un-
svmpathisck>en und dem man übel w:ll aber die ganze Strenge des Ge
setzes fühlen lcrffcn. Solche einseitige Behandlnngsweise der Mitschüler,
die den Stempel der Ungerechtigkeit an sich trägt und sich der Beurtei
lung durch den Lehrer entzieht, ist geeignet, das Elternhaus gegen daS
Schulsystem mobil zu machen. In einem solchen Falle ist die Erregung
der Ellern noch zu verstehen. ES gibt leider auch andere Fälle. Kommt
da erne Frau zu mrr: «Sagen Sie mal warum lasten Sie Ihre Kiud.r
durch andere bestrafen. (Körperliche Strafen waren ausgeschloffon.)
Wenn Sie nicht fähig sind. selbst in der Klaffe Zucht zu halten, danp
müssen Sie — soll ich'8 sagen? — abgesetzt werden " Nun ja, diel
ereignete-sich zu einer Zeit. wo die rohesten Instinkte im Menschen fich
nackt und hemmungslos zeigen konnten, z. Zt. der häufigsten Putsche.
Ich überhörte geflisientlich diese mit größtem Nachdruck geforderte ein
fache Notwendigkeit und suchte ihr den Sinn deS Ganzen klar zu machen,
auch. daß ich durch diese Art der Verwaltung viel mehr Arbeit hiitte.
gls wenn ich dem Deliguenten gegebenenfalls die Aversseite gerbte.
Verständnisinnig meinte schließlich die Frau: «Ja. wenn die Sache so
liegt, dann ist sie eine andere." Und andern Tags hatte ihr Junge
doch ferne Arbeit nicht gemacht. »Ter Vater hat mir verboten, das zu
tun, was £ angeordnet." Die Leiden Familien wohnten im gleichen
Hause mit dem unvermeidlichen nachbarlichen Zwiste.
Schon zweimal habe ich versucht, dem in Frage stehenden Gedanken
praktischen Ausdruck zu geben, und zweimal habe ich Fiasko erlitten,
einmal infolge mangelnder kindlicher Reife (11 jähriger Schüler) und
einmal infolge großen Widerstandes von seiten einzelner Eltern.- Und
wenn die Entwickelung der Verhältniffe und Gott mir Zeit geben, werde
ich den Gedanken zum dritten Male aufgreifen. Zweifellos birgt er
ernen guten Kern, der verdient, freigelegt zu werden. Au» den Rand
bemerkungen geht hervor, daß schier unübertvindliche Hindernisse weg
zuräumen sind, wenn die praktische Gestaltung keine Spielerei bedeuten
soll. sondern daS, was der Inhalt sagt: staatsbürgerliche Erziehung.
Nach aUflcmemcr Einführung der Grundschule verliert diese Frage
für uns ihre Bedeutung.
I 3tn Dolfesffaal | (
Zersetzung des Staates.
Tr. Riichard Berger, .Hagen i. W.
Schauen wir in die Vergangenheit des preußischen Volkes und
fragen wir uns. was den preußischen Staat vor seinem Zusammen
bruch machtvoll zusmmnen hielt, so erhalten wir darauf die Ant-
ort, das regierende Fürstenhaus, das schlagfertige Heer, das pflicht
treue Beamtentum, das einheitliche Finanz-, Verkehrs- und Ver
waltungswesen. Diese zusammenhaltenden Kräfte sind den: alten
Preitßen nicht über Nacht und mühelos in den Schoß gefallen.
Durchgeh-nds läßt sich sagen, daß sie in zähem Ringen gegen tau
senderlei Widerstände erkämpft werden mußten. Aehnliche Wege wie
in Preußen ging die Entwicklung auch in anderen Ländern und im
Deutschen Reiche.
Als die Revolution ausbrach, wankten di« staatlichen
Grundfesten, die regierenden Fürstenhäuser verschwanden, das
Reichsheer löste sich auf, die Beamtenschaft l-atte schwer gelitten, die
Finanzen lvarcn in Unordnung, das Verkehrswesen erschüttert und
die Verwaltung zerrüttet. In solch übler Lage mußte das deutsche
Vrlk die Fundamente für ein neues ReichSgebäude aus
hebern Der Neubau gelang rüdesten wider Erwarten schnell und
gut, und wie dann das Volk sein Werk besah, war es in seiner über
wältigenden Mehrheit damit zufrieden.
Nicht alle Volksgenossen waren damit einver»
standen. Die einen hatten die Monarchie mit ihrem laugen
Glmrzc nicht vergessen, trauerten ihr nach und sehnten sie herbei;
andere folgten dem russischen Sowjetstern und schwärmte» für die
Diktatur deS Proletariats; andere, Syndikalisten (auch Unionisten)
geheißen, fühlten sich über Demokraten, Monarchisten und Kommu-
nisten hoch erhaben und träumten von der «Republik der Arbeit",
der Zerstückelung des Staates und der Vernichtung der Staatsge
walt: wieder andere hatten andere Wünsche Mo.u sieht, daß daS

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