^Katholische Zeitschrift für Srzieftung und Bildung:
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Anhalt: Die Geschichtsauffassung der großen Ethnologen. — Ge danken zur Gemütsbildung. — Ermordnug der unschuldigen Kindlein.
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tractant. Zum Schulstaatsystem. — Lehrerwarte: Anträge zum Volksschulwesen im Hauptausschub des Landtags. Die Beratung
des Unterrichtsbaushalts im Hauptausschuh des Landtags. Wie die Düsseldorfer Negierung arbeitet. Preubischer Landtag. Tabelle
über Nachzahlungen für Lehrerinnen. — Vereinskalender. — An zeigen.
1* Jahrgang
Samstag, den 25. (fcbvuav 1922
Die Geschichtsauffassung der großen
Ethnologen.
Bon Dr. Max Fischer.
Unsere Zeit, die sich erfüllt fühlt von stärkstem geschichtlichem
Werden, fragt wieder mit besonderer Leidenschaft nach dem Wesen
der Geschichte. Doch die zünftige Geschichtsforschung unserer Tage
vermag in ihrer spezialistischen Arbeitsweise diese Sehnsucht nach
universalhistorischer Ueberschau und Durchdringung nicht hinreichend
zu befriedigen. Zwar wendet sie sich mit berechtigter Kritik gegen
jene modischen Versuche, die bunte Fülle historischen Lebens durch
den Dogmatismus willkiirlicher Konstruktionen zu vergewaltigen.
Aber sie selbst bietet meist nicht die Gesamtgeschichte der Menschheit
dar, sondern nur einen Ausschnitt: die europäisch-vorderasiatische
Geschichte von fünf Jahrtausenden. Das ist der uns raum- und zeit
nächste Stoss; aber innerhalb des Menschenlebens auf Erden nur
ein bescheidener Umkreis.
Die Völkerkunde nahm sich der von der zünftigen Geschichts-
wisseuschast vernachlässigten Völkerkreise an, erschloß ihre Kultur
und deren historisches Werden. Sie bemühte sich, den ganzen Erd
ball zu umspannen; überreiches Material strömte in ihre Schatz
kammern. Da aber zwang der Stoss, viel energischer als bei dem
engeren Material der eigentlichen Geschichtswissenschaft zu sinn
voller Auswahl, ordnender Bewältigung und Gliederung des
tsncllcnden Materials. Aus der beschreibenden Völkerkunde, der
Ethnographie, entwickelte sich die Ethnologie, die vergleichende
Völkerkunde. Sie umspannt nach ihrem Forschungsziel Wesen und
Werden der gesamten Menschheitskultur. Vom empirischen Material
ihren Ausgang nehmend, aber hindrängend zu universaler Uever-
schau, mußte sie die Auffassung des geschichtlichen Lebens fördern
und befruchten. Sie hat es getan, so wenig auch diese Erkenntnis sich
schon weite Kreise erobert hat. Vor allem zwei deutsche Forscher
wirkten hier bahnbrechend: Friedrich Ravel und Adolf Bastian.
Friedrich Ratzel, der Begründer der „anthropogeogra-
phischcn" Betrachtungsweise, hat die geographische Bedingtheit der
Völkcrgeschicke grundlegend erforscht. Erziehungsbedürftig und er
ziehungsfähig kam die Menschheit auf die Erde, die älter ist und
wohl auch noch länger dauern wird, als das menschliche Leben auf
ihr; im Ringen mit der Erde wuchs der Mensch, dessen Geschichte
in vielfältiger Wechselwirkung mit der Geschichte der Erde ver
flochten ist
Ratzel versuchte im einzelnen diese bedingenden Einflüsse der
geographischen Verhältnisse auf den Verlauf der Geschichte: die
Wirkungen des Klimas, der Oberflächenform, der Bodenformatiou,
der Naturgrenze, der geographischen Lage, der Volksdichte, nicht
zuletzt des Meeres, dessen Bedeutung als Quelle des Völkerreich
tums er eine seiner gedankenreichsten Schriften gewidmet hat. Wüt
Nachdruck widerlegte er die verbreitete Auffassung, als ob die geo
graphische Bedingtheit des Völkerlebens mit wachsender Gesittung
abnehme; nur der unmittelbare Naturzwang mindert sich; die
Durchdringung von irdischer Bedingtheit und menschlichem Wirken
wird vielmehr mit sich steigernder Zivilisation nur immer inniger.
«Hummer 15
Seine anthropogeographischen Studien haben den vorsichtig ab
wägenden Forscher aber schließlich zu der Ueberzeugung geführt,
daß man die Bedeutung des Bodens, auf dem sie leben, in
seinem Einfluß auf die Geschicke und das Wesen der Völker auch
nicht überschätzen darf. Friedrich Ratzel lehnt es ab, die Eigenart
der Völker auf ihre Naturumgebungen konstruieren zu wollen:
Kaum ein Volk der Erde ist auf dem Boden sitzen geblieben, dem
cs entsprossen ist; ruhelos wandern die Völker über den Erden-
paunl. Wichtiger als die Bedingungen des Bodens ist die geogra
phische Lage; sie bestimmt das Maß des Einflusses, der von außen
eine autonome Entwicklung des Volkes zu hindern vermag, die
Möglichkeit der Rezeption aus anderen Kulturen, die Gefahr eines
Auseinanderprallens mit der Expansion benachbarter Völker.
Diese Berührung der Völker ist cs, welche die Menschheits
geschichte in Bewegung setzt. „Vereinzelte Stämme, die sich im tiefen
Urwald, in bcrgumschlossenen Tälern oder auf fernen Inseln gleich-
sam voreinander verstecken, bildeten noch keine Wienschheit. Erst
wenn der Verkehr feine Fäden herüber- und hinüberspinnt. schwacl)e
Gewebe, in denen mit der Zeit ein starker Kreislauf pulsiert, der
unentbehrlich wird, beginnt die Bildung der Menschheit." Nickst
nur in den großen Katastrophen, den sogen. Völkerwanderungen,
bekunden sich die flutenden Bewegungen der Völker. „Auch in der
Geschichte der Völker darf wie in der Geschichte der Erde die
grosie Wirkung nickst immer gleich die gewaltige Ursache voraus
setzen lassen." Kleine Kräfte, in langen Zeiträumen wirksam, führen
endlich zu eingreifenden Umgestaltungen. So ist die Menschheit ein
Lebendiges, von ewiger Bewegtheit erfüllt. Völkergrenzen ver
schieben sich; Schiffe durchkreuzen die Flüsse und Meere. Auf diese
ständigen wechselseitigen Berührungen führt Ratzel den kulturellen
Gemeinbesitz der Wiienschheit zurück. Jedes Volk der Menschheit
übermittelte materielle und geistige Errungenschaften einem benach
barten; tausend Geschlockster, die uns vorhergingen, umkreisten
solcherart wandernd den Raum der kleinen Erde. „Wenn sich die
Malahen nach Madagaskar und der Osterinsel durch 200 Längen
grade in einer Zeit ausgebreitet haben, die, wie die Sprache und
sonstiges beweist, nicht viele Jahrhunderte gedauert hat, wenn sich
seit der europäischen Entdeckung in Amerika einzelne Stämme
500 Meilen von ihren Sitzen entfernt haben, wenn sich über halb
Afrika innerhalb 40 Breitengraden eine dialektisch nur, wie etwa
Hoch- und Niederdeutsch, gespaltene Sprache ausdehnt, so wird
man zugeben müssen, daß nicht erst die europäische Kultur die Welt
umspannt habe." Aus dieser ständigen Berührung der Völker
resultiert nicht nur ihre räumliche Verbreitung, sondern auch ihre
zunehmende Durchdringung, das Leben der Völker strömt immer
mehr zusammen zur Geschichte der Menschheit.
Diese Menschheitsgeschichte umfaßt alle Völker, die mit
einander in Wechselbeziehung stehen, nicht nur den abendländischen
Kulturkreis. den die moderne Geschichtswissenschaft bisher fast aus
schließlich behandelt hat. Es geht nicht an, die Geschichte — wie
es noch Ranke forderte — erst mit der schriftlichen Ueberlieferung
beginnen zu lassen. Auch der Inhalt der Nölkermnseen und Ur
geschichtssammlungen sind historische Denkmäler, die z. T. klare,'

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