Sekte 242
Pädagogische Post
:s
crnsrhweiß und Bauernsorgen versteht; kurz und gut, wenn er
ländliche Bildung besitzt.
Ländliche Bildung wird vom Lehrer verlangt. Unrecht ist das
nicht. Will der fremde Lehrer dem ländlichen Naturbilde einge
gliedert werben und sogar eine einflußreiche Stellung darin cinncp-
wen, so muß natürlicherweise gefordert werden, daß er in dem ^>ea-
turbiibe zu Hause ist, daß er darin eine Figur bildet, die in den
Rah-men faßt. die dem ländlichen Leben mit Verständnis begegnet,
die auf die Seele der Landbewohner zugeschnitten ist. Ist das nicht
der Fall, so erscheint er „hölzern", wie Weiler sagt, d. h. ungeschickt
und nmlatürlich. Das ist besonders leicht bei deru jungen Lehrer
der Fall, der aus dem Seminar entlassen, gleich in die einklaffige
Schule irgend eins kleinen Dorfes dirigiert wird. Er mag sonst
noch so tüchtig erscheinet'.; hier macht er Fehlgriffe, die' leicht
schlintme, dauernde Folgen zeitigen können. Das ist auch un
schwer einzusehen. Das Seminar vermittelt nur eine allgemeine
Vorbildung, die dazu noch lückenhaft ist und ebensogut für die Stadr
als für das Land sich eignet. Daher konunt es denn, daß gerade
diese kleinen entlegenen, von jedem Verkehr abgeschlossenen Dörf
chen zur Quelle des Unglücks für den jungen Lehrer werden. Ec
muß verkommen oder groß werden. Er ist eben zu jung und um
geben von Gefahren, wuchtiger wäre es, die jungen Kollegen einst
weilen an mehrklassigen Schulen anzustellen und erst dann, wenn
sie mit der Zeit Erfahrungen gesammelt, ihr Charakter sich gefestigt
h lernt, von der Liebe zur Natur gedrängt werden, aus dem Latche
anzustellen.
Daß dc-r Landlehrer Naturfreund sei, halte ich für besonders
wichtig. Er muß die Natur studieren. Von der Natur soll er lernen.
Nalura ariis magistra = die Natur ist die Lehrerin der Kunst, auch
der Erziehungskunst.
Betrachten wir mm einmal die Aufgabe eines Landlehrers. Aus
einem größeren Ort aus das platte Land velsetzt, findet er sicher
vieles, was ihm nicht zusagt, in der Bevölkerung, an seinen Pflege
befohlenen, am Lehrplan u. s. w. Soll er nun gleich anfangen,
Remedur zu schaffen? Das wäre das törichste, was er unternehmen
könnte. Zunächst verhalte er sich gewissermaßen passiv, d. h. er führe
alles so fort, wie er cs aus der neuen Stelle angetroffen hat und be
gnüge sich. wie ans der Vogelschau zu beobachten. Dabei vergesse
er nicht, gegen jedermann freundlich und zuvorkonimend zu sein
und nicht voreilig zu urteilen. Er bestrebe sich, in die Eigeriart des
ländlichen Lebens und der Bauernsecle einzudringen: Ter Bauer
ist durchweg konservativ und steht allem Neuen mißtrauisch gegen
über Er ist an Freiheit und Unabhängigkeit gewöhnt, besonders
der Großbauer, der sich nicht selten wie König in seinem Reiche
suhlt. Alsdann neigt er zu Sparsamkeit, um nicht zu sagen Geiz;
er hat llicht nötig, wie meinetwegen der Beamte, alles zum Leben
Notwendige zu kaufen; der Bauer gibt nur selten bares Geld ans.
Er huldigt dem ökonomischen Prinzip, d. h. dem Grundsatz der
Wirtschaftlichkeit, welcher darin besteht, den größten Erfolg unter
Aufwendung dcr geringsten baren Mittel zu erzielen. Er liebt sein
Eigentum, sein Dorf, sein Land. Alte Volkssitten sind ihm heilig,
aber auch Religion und Tugend stehen bei Ujm in hoher Achtung.
Kommt der Lehrer aus der Stadt, so steht er dem ländlichen Treiben
nicht selten fremd gegenüber, ja er spürt unwillkürlich eine ge.visse
Voreingenommenheit. Bisher hat er nur Witzeleien über den
„dummen" Bauern gehört, und vielleicht dünkt er sich zu erhaben,
um mit ihm viele Worte zu wechseln. Karikaturen in illustrierten
Blättern haben ihm sicherlich eine geringschätzende Bewertung der
Bauernarbeit eingeimpft. — Indessen wird er bei einiger Ueber
leg ung erkennen, daß, wie jeder Stand, auch dcr bäuerliche von
Natur aus sein Gutes hat. Mit der Zeit haben sich allerdings
Fehler und Mängel eingeschlichen. Diese sicht ein Fremder nabur-
gemäb eher als der damit Behaftete. Manche Fehler hat dcr Bauer
bereits durch die lauge Dauer liebgewonnen, und er kann sich nur
schwer davon trennen, z. B. das Prahlen, das Negieren, die Ge
winnsucht Ta gilt es Nachsicht und Geduld zu üben und schonend
zu Werke zu gehen. Wer ein llnkuaut ausreißt, zertritt nicht das
Kraul Mail warte die paffende Gelegenheit ab, darauf aufmerksam
zi» machen, und solairge man sie nicht findet, suche man die Folgen
der Uebe! möglichst zu mildern. Man gewöhne sich daran, immer
das Beste ar>zunehmen, wenn eS geht, alles gut arrszulegen und das
wirklich Gute anzuerkennen. Dadurch betveist der Lehrer am schla
gend steu, daß cr geistig höher steht. Er muß sich sreimacl)en von
bösen, hinterhältigen, neidischen rmd argwöhnischen Gedanken, von
Huten und hauenden Worten und noch mehr von lieblosen Taten.
Wahrhaft edel aber handelt er, wenn er Kindern und Leuten gegen
über eine wohlwollende, selbstlose, großmütige Liebe und hoch-
l-crzigc V)esinnimg an den Tag legt, die irr der heutigen egoistischen
Zelt so selten anzutreffen sind.
Sauerländische Waldpädagogik.
Fr. I. Koch. Essen.
Gelegentlich ging ich einmal daran, mit Hilfe meiner Schüler und
Schülerinnen alles zu sammeln und zu sichten, was in unserm snner-
ländisch'eu Walddorse noch von den althergebrachten Sitten. Gebräuchen,
Niederm Reimen und .Sprüchen lebendig war. Mit großem .Eifer ver
legten sich die Kinder auf das Sammeln. Eltern and Großeltern
gaben ihnen daheim gern Auskunft, und manch herziges Stück Volks-
Poesie kam mir in die Hände. Gute Blmenlese dieser Tinge gab ich
an die volkskundliche Zeitschrift „Niedersackien" und bekam ein gutes
Honorar. Ich stiftete dieses menen Schülern für ihre Wanderkasse
gur Bestreitung eines größeren Ausflugs. Damit war der Eifer meiner
kleinen Sammler erst recht angefacht. Täglich wurde mein volkskund
licher Schah reicher und ich mußte darauf sinnen, nach gewissen Grund-,
sägen vorläufig Ordnung und Uebersicht hinein zu bringen. Mit dem
Sammeleifer war in unserm Walddorfe auch der Sinn für die volks
kundlichen Tinge selbst wieder wach geworden und man kam zurück auf
manch guten Brauch, manche schöne Sitte, manch kernig Lied, manch
kräftigen Spruch, manch sinnreiches Rätsel. Für den Unterricht in der
Heimatkunde, der Naturkunde, der deutschen Sprache, der Religion ergab
sich manch wilUommcner Anhaltspunkt.
Für Tanten und Herren der Volksschule, die sich in ähnlicher Weile
betätigen möchten, sei hier ein gangbarer Weg gewiesen. Mit An
lehnung an ein g-eranetes Schema, soll hier eine Sammclübersicht der
sanerländischen Volkskunde geboten werben, die natürlich auch den V r-
bältnisscn aller anderen Landschaften ebenso nutzbar gemacht werden
kann. Ueber jeden der angeführten Punkte läßt sich von jedem länd
lichen Ort aus eine kleine abgerundete Arbeit schreiben.
Einschlägige Zeitschriften und Zeitungen werden solche Tinge gern
aufnehmen und lronoricren. Auch ein klingender Lohn wird mithin
dem nicht verjagt sein, der seine Kraft in den Dienst dieser guten
Sache stellt.
Uebersicht der Sancrländischcn Volkskunde. (Als Beispiel.)'
a) Volkssprache.
1. Flurnamen: Wiäsemkc — Wiesenbach, Wiämereg —- Weinberg«
2. Familiennamen: Hebbccker — Hagbacher. Hilchenbach — Heiligen-
bach.
3. Tternamen: omb Lock- und Zurufe: Krihnamen: Göldkraune«
Hicitenblaume. Mairause. Hnndenamen: Wasier Alli, Nett. Bello«
Lockrufe: Hissekcn Hiss ken (Füllen). Kiwweken-K'wwelen (Ferkel)«
4. Pslanzennamen: Hathiäkel — Hauhechel. Kattcnstet — Zinnkraut,
5. Ausdrücke aus dem landwirtschaftlichen Betrieb, für landwirisiha t-
. I.che Geräte: Anewenge — Ackergrenze, Snot — Grenze, Greipe
* — Mistgabel. Fuarke — Heugabel.
6 Bezeichnung für einzelne Teile von Haus und Hof: Hiärwe —•
Trockenboden, Bc-nsmen — Rauchsang.
7. Für Haushalt- und Kleidungsstücke: Lenksiol — Topfhakcn, Riäken-
pott — Herdtops, Püäl — Unterbett (Pfühl).
3 Für Spesen und Getränke: Hast — Rippenstücke, Kr5 — Mehel-
suvpe.
0. Für Maß. Münden: Kanne — seht ein Liter, Flimmerten — kleines
Zwamigvfenmgstück.
10. Für Handwerk und Gewerbe: Hiele — Sckmiedefeuer, Schote! —>
Brotschießer, ReSke — Rinne für das CtoUenwaffer in Bergwerken«
d) Volksdichtung.
Liebeslieder:
...Hännesk-n lat ; m S-chuatstein
Hn flicke re siene Schank),
Do kam saun wacker Dcier
Und sob sau niepe tan.
Hännesken. waß diu kriggen weß,
Dann frigge din an mie;
Ik bcwwene blanken Dahler,
Drän well ik giewen die."
2. Sagen und Märchen. Schivänke:
Wie d'e Helden aus der Stöppel die Kühe hüteten.
Das Gold'ener auf dem hoben Lehnberg.
W e der Saue'-länder und der Münsterländcr sich zankten,
wer die beste Sprache hätte.
Z, Kinderlieber, Wt^genUed-r. Bastlvsereime. Hirtenlieder, Tanz»
lieber. Kinderspiele. Rätsel, Neckrcime. Hausinschriften, Jahresliederö
Wiegenlied:
Siuse, stufe, stufe.
Traf Waigen in äime Hiuse.
Söll d äm Manne nit bange weren,
Kain Braut im Hiuse,
Kain Miäl int Kasten,
Das Hainen Blagen mot soffen,
Dai grauten gat um stiält iärk Braut
Un siat dai klaincn merren Säcken baut.
Bastlösereime:
Liuä, L uä. Piepe,
Sap iß ripe.
S»ip ß in Aiken.
Biu fall dai Kau Herten,
Rauthenne, Rauthenue.
Bueter op dat Schälken.
Aegger in däin Kauken,
Do komme gut no raupen.
Kättken laip tem Biärge rop
Un halern Pötiken vull Sap,
A,'e dät Kärken wiär kam.
Waß dai Happenpiepe
Lange, lange« lange, tute wiäßt.

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