TCafhodJche Zeitschrift für Crzichung und (Bildung:
Wissenschaft — (Kunst — «Politik
4avf(6faff dee 3weIf»eetS«de des Ksfts. seÄrentcrSonde* des Deutfdien fleiefies: tfjcinfand, Westfalen. CoffeC Hikdeskel«. Osns&rücsi
und Sraunfcfiweig OegsfTeutflci—ussgjsn der Heemaim Hnkeetus-Zttstuag — Aue Weftfaken: Fortsetzung dee ^ädagMOtssteu Wocke
A. Stroh, (Duisburg
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F Schumacher, Socbum ß O ttpf | eh V I f C ( C I t II ft fl
Sendungen sind tu richten: Für den allgemeinen, ftandespolittschen. verein «polt-
tischen und Nachrichtenteil an F. Schumacher. Bochum. Für den Wissenschaft»
Itchen. allgemrinpalitischen und schulpolitischen Teil an A. Stroh. Duisburg.
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Inhalt: Wie leite ich meine Schüler zum ökonomischen Lernen an? — Familiengeist und Erziehung. — Der Totentanz von 1921. —-
Der Bildungswert der Kurzschrift. — Deutsche Redensarten. — Im Volksstaat: Sowjetregieruug und Bodenreform. — Schul-
k. politische Leitfragen: Schulelend nn Regierungsbezirk Cassel. Lur Schaffung von Konrektorstellen. — Lehrerwarte:
Die gleitende (Ächaltsskala. Unterstützung und Unterbringung stellenloser Lehrer. — Dies und das. — Aus den Vereinen. — Vom
'' Büchertisch. Brrefkasten. — Verernskalender. — Anzeigen.
1. 3ahegang
Samsfag, den 11. OTltirz 1922
Otummcr 19
Wie leite ich meine Schüler zum
ökonomischen Lernen an?
Bon Paul Koch in Iserlohn.
Wir stehen im Zeitalter der Reformen. Äluf allen Gebieten
macht sich der Drang nach Neuordnung und Neubegründung bo-
,merkbar Auch unser Gebiet, die Pädagogik, ist davon nicht ver
schont geblieben. Jedem sind Schlagworte, lvie „Einheitsschule, Be-
gabtenauslese, Berufswahl, Freie Bahn dem Tüchtigen" bekannt.
Schon liefern Zeitschriften und Bücher Anregungen und Winke in
Hülle und Fülle, um den Weg zu zeigen, diese Aufgaben zu ver
wirklichen. Sie stützen sich hauptsächlich auf die schon großen und
wertvollen Errungenschaften der experimentellen Psychologie und
Pädagogik, die in den letzten 25 Jal-ren ungeahnte Schätze aus dem
Dunkel gehoben hat. Was wiegen demgegenüber die Bedenken
inancher Pädagogen „am grünen Tisch", die schon die „Möglichkeit"
skeptisch anzuzweifeln suchen! Es gibt eben Menschen, die Augen im
Kopfe haben und doch nicht sehen!
Ich gebe bereitwillig zu, daß es eine wichtige Aufgabe ist, den
Tüchtigen und Begabten znm Aufstieg zu verhelfen, aber wir dürfen
darüber nicht vergessen, daß diese doch nur ein kleines Häuflein
bilden. Die große Masse bleibt eben ans hie Bildung der Volksschule
angewiesen. Ein richtiger Erzieher legt^aber auch bei dieser sein
Schwergewicht auf seine „Sorgenkinder", die Schwachbegabten. Zu
eigentlich silbständigem, schöpferischem Schaffen wird er ihnen nicht
verhelfen können. Sie sind hauptsächlich auf die nachs(lassende
Arbeit angewiesen Das gute Gedächtnis ersetzt ihnen in etwa die
mangelnde Intelligenz. Es zu starken, ist eine .Hauptaufgabe des
weiterschauenden Erziehers. Allerdings ist die Pflege des Ge
dächtnisses heute ziemlich in Mißkredit geraten; aber mit Unrecht,
denn aller intellektueller Fortschritt ist nur dann möglich, wenn das
schon Erlvorbene zum festen Bestände, mechanisiert wird. Das alte
Wort: „Tantum scimus, guantnm memoria tenemus!" trifft im
wesentlichen doch das Richtige. Der niedrige Kursstand des Me-
morierens beruht in erster Linie darauf, daß man dabei an ein
sinnloses, mechanisches „spuken, Ochsen, Büffeln, Drehen" (oder wie
sonst die Schülerausdrückc treffend sagen) denkt. In diesem Sinne
ist das richtig, aber „so" braucht es nicht gel)andt)abt zu werden^
Wird es trotzdem in dieser geistlosen Weise betrieben, so ist der Feh
ler nicht dem Lernen als solchem, sondern dem — Lehrer zuzu
schreiben. Ein Schulmeister" weiß das. Lernen und „Nomenklatur
als" hübsch und reinlich auseinanderzuhalten,
nbUcfy gilt der Vorteil eines guten Gedächtnisses nicht
r .-Stiefkinder" sondern für alle. Um das vorhin ge-
sreare .am su erreichen, hat nun der Lehrer die Aufgabe, seine
Schüler zum ökonomischen Lernen anzuleiten. Unter ökonomischem
Lernen (und wirbelten) verstehe ich ein solches, das in der schnell
sten Zeit und mit dem kleinsten Krastverbrauch zum Ziele führt.
Damit nun auch die folgende Anweisung nicht selbst „Nomerklatur"
zuerst einen kurzen Blick auf die psychologischen
Grundlagen des Gedachtnisies uub seine Entwicklung während der
Schulzeit, damit wir dann die nun folgenden Gedächtuisregeln
nicht nur keiineii, sondern auch psychologisch verstehen lernen. Am
Schluß sollen dann diejenigen Lernregeln zusammengestellt wer
den,. die der Lehrer mit den Schülern zu besprecheii l-at.
Der Mensch hat nicht nur die Fähigkeit, Gegenwärtiges,
Augenblickliches anfzrlfassen, wahrzunehmen, zu erleben, sondern
er kann sich auch die Vergangenheit vergegenwärtigen und die Zu
kunft in Bildern vorwegnehmen. Wie ist daS möglich? Nehmen
wir daS Vergegenwärtigen, Vorstellen eines ehemaligen Erleb
nisses als Beispiel. Während ich dies hier schreibe, erinnere ich
mich an ein Bild von Ernst Meumann. Um dieses Auftauchen der
Photographie zu erklären, nimmt man heute allgemein an. daß
von dem ehemaligen Erlebnis Rückstände, Spuren im Gehirn und
Seele haften bleiben, die die Seele für das neue spätere Aufleben
disponieren, breiter, empfänglicher, aufgelegter machen. Man kann
das etwa vergleichen.mit einem neuen Schuh, der mit dem Gebrauch
auch passender, abgestimmter wird für den Fuß, oder mit einer neuen
Geige, die amh erst eingespielt werden muß. Diese Spuren entwickeln
sich bei Anlaß zu ähnlichen (niemals gleichen!) Erlebnissen wie die
früheren. Nun tauchte eben in mü nicht nur einfach die Vorstel
lung des Bildes von E Meumann auf, sondern ich tiatte auch das
Bewußtsein, dieses Bild schon einmal gesehen zu haben in cineni be
stimmten Buche. Hier kam also zur bloßen Vorstellung des ehe
maligen Gesichtseindruckcs noch das „Bewußtsein des schon einmal
Gehabthabens" hinzu; aus der Vorstellung wurde also eine Erinne
rung. Dieses Erinnerungsbewußtscin ist nicht immer mit dein Er-
mnerungsinhalt verbunden. Es kommt mauchinal vor, daß jemand
ein ihm früher bekanntes Bild spater als ein neues ansieht. Kruge-,
kehrt liegt die Sache, wenn man einen Menschen auf der Straße
trifft, der einem „so" bekannt vorkomnit, man weis; aber nicht, wo
man ihn „hinstecken" soll. Hier ist das Erinnernngsbewußtsein vor
handen, aber die Vergegenwärtigung des Inhaltes fehlt.
Wie hat nmn sich nun diese Spuren zu denken? Ans pchhoko-
gischen Erfahrungen der Vorstellungs- und Sprachstörungen geht
hervor, daß bei dein Zustandekominen der Vorstellungen die Groß
gehirnrinde mitbeteiligt ist. Die Spur ist also zunächst eine Physio
logische. Mit einer solchen Spur in der Nervenzelle könnte inan
sich verständlich machen, daß bei Erregung der Nervenzelle die
Vorstellung im Bewußtsein auftaucht; wie aber die materielle
Spur auch das Erinnenmgsbewnßtsein herbeischaffen soll, ist nicht
einzusehen Es muß also auch in der Seele eine Spur, besonders
von dem Wahrnehmungsakt, zurückgeblieben sein, die erst eine
Erinnerung ermöglicht. Die Erneuerung des ehemaligeir Erleb
nisses bezeichnet man nun als „Reproduktion", die Spur, die der
Erneuerung zugrnndcliogt. als „Neproduktionsgrillndlage". Diese
muß nun die Fähigkeit besitzen, wiederaufznleben ,sich zur Vor
stellung (Idee) zu entwickeln; man schreibt ihr deshalb eine
„Jdeationstendcnz" zu Nun wird nber nicht jede Spur wieder er
regt oder aktualisiert, sondern es bedarf dazu eines Anstoßes, eines
aktnellcn Erlebnisses, das motivierend auf die Reprvdnkion wirkt.
In unserm Beispiel wirkte das jetzige Aufsatzthema (als „Reproduk
tionsmotiv" mit seiner' „Neproduktivnstendenz", d. h. der Fähigkeit

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