Olt, 19
Pädagogische Post
Seite 293
lichkeit, setzt sich der Dichter hinweg. Und wirkt doch so überzeu
gend, daß wir, einmal von ihm in Bann geschlagen, nicht mehr loS-
können. Geist, Symbol sind ihm alles. Dem Spielleiter stellt er
keine leichte Aufgabe, aber eine äußerst dankbare.
In de.' altehrwllrdigen Meistcrsingerkirche in Nürnberg erlebte
das Spiel am 25. November seine Uraufführung und starten Bei
fall der tiesergriffencn Zuschauer. Znm Grillparzersest im kommen
den ALai in Hannover will es der Bühnenvolksbund als Abschluß
bringen. Wer von unserem Theater erhofft, dal; es mal einmal
eine menschenbildende Genleinschaftsbühne rverde. dein wird dies
erste neuzeitliche Gemeinfchaftsspiel zum Erlebnis werden.
Der Bildimqswert der Kurzschrift.
Von Prof. Dr. Dieck. Sterkrade.
Dem Denken, einer dem Menschen eigentüml chen Fähigkeit,
steheil zlvei Ausdrucksmittel zu Gebote, einmal die Sprache, dann die
Sännst- Beide dienen der Mitteilung des menschlichen Gedankens an
andere Menschen. Aber während die Sprache in ihrer Wirksamkeit
zwar unmittell'arer und gewalt gcr ist als die Schrift, ist sie dabei doch
'zeitlich und räumlich beschrankt. Tie Schrift hingegen verleiht dcm
Gedanken gewissermaßen körperliche Existenz und befähigt ihn so Raum
und 3eit zu überwinden. So ist wohl mit Sicherheit anzunehmen, daß
der ll'mensch e ne Sprache, aber noch keine Schrift besessen hat; ihre
Enrstehung blieb einer Zeit höherer geistiger Entwicklung und tieferer
p'i'i'gei Bedürin'sie vorbehalten. Man kann daher mit einem gewissen
Rechte die Schrift als die geistig höher stehende,
wertvollere Sch we st er der Sprache bezeichnen.
Bs' dieser Sachlage ist cs verwunderlich, daß die Wissenschaft und
in ihrem Genüge die höheren Schulen aller Art sich zwar sehr eingehend
mit den Sprachen befassen, während sie die Pflege der Schrift im all
gemeinen der Volksschule überlassen. Die Wissenschaft beschäftigt sich
mit der Schrift nur insoweit es zur Lesung der Dokum nte aus alter
Zeit erforderlich ist. Dese Paläograpbie stellt ein entlegenes
Nachwissen dar und ist daher, von gelegentlichen Andeutungen abge
sehen mit Recht im Lehrplan der höheren Schulen aller Art nicht wer-
treten.
Dagegen fehlte eS in der Wissenschaft und an den höheren Schulen
bisher an einer planmäßigen philosophischen Betrachtung de? Zweckes
und der Bedeutung der Schrift in den verschiedenen Kultu'epochen der
Menschheit. So nur ist es zu verstehen, daß anck der Gebildete meist
überstellt, daß die zweck- und zeitgemäße Einrichtung
unterer Schriften in der Tat ein unabtv eisbares
wissenschaftliches Problem ist. ES kann keinem Zweifel
unterliegen, daß die gewöhn! we Schrift, deren Grundformen sicher
schon um das Jabr 1000 vor Cbristi Geburt bei den Phöniziern fest-
logen, den ganz ander? gearteten gegenwärtigen Bedürfnissen des gei
stigen Berk hrs nicht mebr entspricht. Damals gab es verschwindend
wenige schreibkundipe Leute während in unserer Kultu epoche jeder
Mensch zur Erlernung von Lesen und Schreiben gezwiinaen w'rd
Nicht mit Unrecht bat man oft darüber Klage geführt. daß die
Wissenschaft und die höheren Schulen aller Art vielfach in der Ver
gangenheit und auch noch- in der Gegenwart eine bedauerliche Welt
fremdbeit an den Tag legen. Diese übertriebene Abwendung von den
Bedürfnissen des praktischen Lebens ist wohl die Ursache gewesen, daß
d e Wissenschaft fast völlig versagt bat, als durch
d r e Kurzschrift daS zweite Ausdrucksmittel des
Ge'steS seine zeitgemäße Vervollkommnung er
fuhr. Bei der Schaffung der modernen Kurzschrift ist die Wissenschaft
so gur wie gar nicht beteiligt gewesen. Praktiker waren eS. die diesem
festigen Bedürfnisse un'erer Zeit Erfüllung gebracht haben. ES
zeigt dies Beispiel, daß der einseitige Kultus der geistigen Großtaten
der Vergangenheit große Gefahren in sich schließt und auf seinem
eigensten Gebiete eine.'verhängnisvolle Unfruchtbarkeit nach sich ziehen
kann.
D e höheren Schulen haben von jeher aus der Wissenschaft die Ziele
und Wege ihrer Bildungsarbeit empfangen. So ist es nicht verwunder
lich daß die Kurzschrift an ihnen bisher nur eine unbefriedigende Pflege
und Förderung erfahren bat. Das hat dann zur Folge gehabt, daß
vre der der Erlernung der Kurzschrift am Wege
liegenden Bildungselemente meist unbeachtet ge
bt eben sind. Und doch drängt die Beschäftigung mit der Kurzschrift
dem tiefer.Gebildeten eine Fülle wertvoller Gedanken förmlich aus.
aa /s« ^'mde Sprachen nicht kennt, weiß nichlS von der eigenen."
Wa^ Goethe hier von. der Sprache lagt, gilt in ähnlicher Wci'e auch
den der Schrift. Die überkommene Schrift tritt uns als etwas Ge
gebene? gegenüber, mit deren Beschaffenheit w r uns abzufinden haben,
'£, r mehr au rütteln und zu deuteln ist. Ganz anders liegt
v'e Same. lvenn wir uns vornehmen, ein-' neue Schrift zu schassen,
welche die ungeheuere Schreibarbeit der Gegenwart in zweckmäßiger
Weise vermindert. Die erste Forderung, die wir dabe' a n
r,“f rt ’ täctdjen stellen müßen, i st ihre leichte
schreib barkeit. Jedes Zeichen für sich genommen, darf keine
unnatürlichen und subtilen Handbewegungen erfordern. Dazu muh
eine gute Verbindungsfähigkeir der verschiedenen Zeichen
treten, In allen modernen Systemen der Kurzschrift treten einzelne
Zeichen auf; vier mehr, dort weniger, die au sich zwar leicht schreibbar
sind, doch bei ihrer Zusammensetzung und Verknüpfung mit
anderen Buchstaben große Schwierigkeiten machen. So zeigt sich, daß
be: der Fest'etzung der Schriftze chen einer glücklichen Kurz'chrift eine
kluge Auswahl unter den an sich möglichen Formen stattzufinden hat.
Erst.durch die Beobachtung beider Gesichtspunkte ist die Scbreibflüchtig-
keit aller Zeichen der betreffenden Kurzschrift gewährleistet
Mit der Schreihflüchtigkeit allein 'st die Brancbbarke't einer Kurz
schrift noch nicht gegeben. Da die Schrift zur Lesung bestimmt ist, s o
müssen wir von einem Kurzschrrftshstem sichere
Lesbarkeit fordern. Dazu ist vor allem notwendig, daß die
v^r'ch ebenen Zeichen keine zu weitgehende Aehnlichkeit untereinander
aufwerien. Jede Kurzschrift hat bic Bestimmung, erforderlichenfalls
mit möglichst grober Sct,Nettigkeit ge,chrieben zu werden. Dabei ist eS
nrchr möglich, den einzelnen Zeichen eine besondere So.gsatt zuzu
weisen. So muß die Verschiedenheit der Zeichen so bemessen und ge-
wähl, werden, daß diese auch bei flüchiiger Schrift miteinander nicht
verwechselt werden können.
Srnd drese gerade besprochenen Kragen mehr technischer Natur,
so fallen daneben auch Fragen von philo,ophischer Bedeutung ins Ge-
wichl. Sie treffen vor allem die glückliche Zuordnung von
Ze chen und Laut Eine Kurzschrift kann nur dann den höchsten
.Grad der Schrerbflüchtigkeit erreichen, wenn dem häufigsten Laute das
schreibftüchtigste Zeichen zugeordnet lvird. Während die ersten System»
erftnder ln dieser Hinsicht im großen und ganzen auf ihr Gefühl ange-
wlesen waren, liegen seit dem Jahre 1897 h nsichllich der Häufigkeit
der einzelnen Buchstaben, Silben und Wörter in der deutschen Sprache
die Untersuchungen von F. W. K ä d i n g vor. In mühsamer Arbeit
zablie er.zusammen mit etwa 1370 Mitarbeitern in mehr als ftins-
jähriger Arbeit ein Schriftmaterial von 11 Millionen Wörtern (20 Milli
oneil Silben) durch. So stellte sich heraus, daß beisipelsweise die drei
Wörter „der, die. und" fast den zehnten Teil der Sprache ausmach n,
daß sechzehn Wörter (ar>ßer den obigen noch „eine, in, zu dem. daß,
ich. das, nicht, .ft, des. dies, es, von") ein Viertel der ganzen Sprache
ausmachen. Planmäßige Untersuchungen über die Schrelbftüchtigkelt
der verschiedenen Zeichen sind in befriedigendem Umfange noch nicht
angestellt worden. Immerhin ist durch die verdienstvolle Arbeit KädingS
e ne exakte Grundlage geschaffen worden, um die glückliche Zuordnung
von Zeichen und Laut in die Wege zu leiten. Uebrigens ist in dem
„Häufigkeitswörterbuch der deutschen Sprache" auch
beispielsweise die Häufigkeit bestimmter Lautverbindungen, z. B nd. ng,
st usiv niedergelegt Schon hier sei bemerkt, daß in den ver chicdenen
Sprachen den verschiedenen Lauten und Lautverbindungen ganz sicher
wesentlich verschiedene Häufigkeiten zukommen tverden. Wenn daher
eine Kurzschrift dem häufigsten Laut das schreibftüchtigste Zeichen zu
ordnet und den häufigsten Lautverbindungen besondere Zeichen zuweist,
so fließt da aus ohne we teres. daß die beste Kurzschrift mit der zuge
hörigen Sprache zu einer unlösbaren Einheit verknüpft ist: eine
echte Kurzschrift ist wahrhaft national. Die üblichen
Uebertragungen verschieden r Kurzjchriftsysteme aus andere Sprachen
sind iür die Allgemeinheit wertlos.
Die Kurzschrift darf sich bei der Airswahl ihrer Zeichen nicht aus
schließlich auf die Häufigkeitsuntersuchungen stützen. Wie weiter uiiten
noch näher ausgeführt wird, hat sie stets damit zu rechnen, als zweite
höhere Schrift auf die bisher alleinherrschende gewöhnliche Schrift zu
folgen. Die Kurzschr ft tut daher gut daran, eine möglichst
leichte Erlernbarkeit anzustreben. Sie erreicht dies dadurch,
daß sie unter den ungefähr gleich schreibflüchtigen Zeichen einem be
stimmten Laute dasjenige zuweist, das als Teil in dem entsprechenden
Zeict-en der gewöhnlichen Schrift enthalten ist. Beispielsweise verwendet
das Einigurigschstem Stolze-Schrey als Zeichen für m, t. b, r solch«
Zeichen dre als Teile in m. t. b, r enthalten sind. Dos zweite Hitfs-
niittet. das die Kurzschrift leichter erlernbar macht, ist das Prinzip
der A e b nll ch k e i t der Laute un tereinander einer
seits und der Zeichen untereinander andererseits.
So weist das Einigungssystem Stolze-Schreh den weichen Lauten d, b,
g. w gewiffe einstufige. den scharfen Lauten t, p. k. v dieselben Zeichen
in doppelter G öße zu. Wiederum dient es der leichteren Erlernbarkeit
der Kurzschrift, daß sie die Großbuchstaben ablehnt. Sie
muß ihren Jüngern die Erlernung von rund 100 verschiedenen Zeichen
zumwen. um eine befriedigende Schreibscknclligkeit zu erreichen. Da
kann sie sich nicht den Luxus gestatten, das Gedächtnis noch aus ziemlich
wurmstichigen Schönheitsgründen m t besonderen Zeichen für große
Ansangsbuchstil'en zu belasten. Sie wird im Gegenteil darauf bedacht
sein alle irgendwie entbehrlichen Schriftzerchen auszumerzen. So
lehnt lie es im allgemeinen auch ab. sich eng an die Regeln der amt-
liclien Rechtschreibung zu binden Im allgemeinen folgt sie dem obersten
Grundsätze der phonetischen Schreibweise: „Schreibe, wie du
sprichst." Das will natürlich nicht sagen, daß sie alle Feinheiten de»
Lautes nichzubild'n versucht Sie arbeitet lediglich mit den durch unser
Alpbabet festgelegten Lauten.
lieber die Stellung der Kurzschrift zur gewöhn
lichen Schrift sind vielfach irrige Meinungen verbreitet. Die
ruh g urteilenden Stenographiekenner sind heute durchweg zu der Ueber
zeugung gelangt, daß unsere Kurzschrift nie die Aufgabe haben kann,
die gewöhnliche Schrift zu ersetzen und zu verdrängen. Da die Zeichen
der Kurzschrift, wie dies in der Natur der Sache begründet ist. möglichst
Hern und einfach sind, können sie nicht so charakteristisch ausgeprägt
fein wie d e Zeichen der gewöhnlichen Sckirift. Dadurch ist dann eine
schwerere Lesbarkeit der Kurzschrift gegenüber der gewöhnlichen Schrift
notwendig gegeben. Damit ist schon gesagt, daß für denjenigen Men
schen. der nicht viel zu schreiben bat. die gewöhnliche Schrift vollständig
ausreicht. Die Kurzschr st hat nur für jene audern besondere Praktische
BedeuKmg. die auch wirklich viel zu schreiben haben. Eine Allein»
Herrschaft der Kurzschrift ist um deswillen nahezu
auSflejchlosjen. weil sie nicht druckfähig ist. Beim
Drucke werden Zeichen verwandt, d'e einzeln für sich bestehen und
lediglich zu Wörtern nebeneinander gestellt werden. Die Kurzschrift
als echte Schreibschrift ändert die Gestalt und Stellung der einzelnen
Zeichen je nach ihrer Bedeutung und Nachbarschaft. Dadurch wird die
Form der einzelnen Buchstaben so stark in Mitleidenschaft gezogen, daß
ihre Festlegung 'n Typen unmöglich ist.
Wenn nun auch die Kurzschrift die gewöhnliche Schrift nicht ver
drängen will, so muß sie doch ganz bestimmte Forderuiigen über ihre
Vereinfachung aufstellen. Ta ist in erster Linie die Abschaffung
der Spitzschrift zu nennen. Die sogenannte lateinische Schrift/

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