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Pädagogische Poft^
Nr. 2
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Zeitgemäße Lehren eines alten
Pädagogen.
Bon Heinz M c? n t h e (Voppard).
3 n Zeiten, wo der Streit der Meinungen über pädagogische Dinge
scharfer entbrannt ist denn >e. ist es heilsam, sich zu vergegen
wärtigen. was die Alten in ähnlichen Fällen gemeint haben.
Nicht selten finden wir be! ihnen Maßstäbe und Fingerzeige
für die Gewinnung eines eigen n Standpunktes Die katholische Päda
gogik ist m der glücklichen Lage, eine stattliche Reihe von Führern aus
zuweisen. die heute ein ernstliches Studium verdienen. Um die Wende
des Id. und 19. Iah. Hunderts hat sie einen Abt Felbig:r hervorgebracht,
e'nen Johann Michael Sa.ler. dann einen Lv.rberg und V-ncenz Mrlde.
Sarler ist in dieser Vierzahl derjenige, der eS am besten verstand,
seine Gedanken systematisch zu entwickeln. Er verdient eS. bekannter
zu sein, als das auf Grund d.r meist btc einzige Begegnung mit ihm
bleckenden Bekannt,chaft im Pädagog kbuche dcS Seminars möglich ist.
Sailer ist en.er von den stillen Gelehrten, die eS ver chmähen. wider
entgegenstehende Anschauungen mit großem Aufwande zu Felde zu
ziehen In stiller, eifriger Emsigk.it hat er gewirkt als einer von den
jenigen. d,e nach einem Worte KellnrvS «uns ermutigen, trösten und
auf rechten Wegen erhallen, zugleich uns aber auch lehren. in allen
Richtungen das Gute unbefangen zu erkennen und danlbar zu benutzen."
Als Sohn e nes armen Schuft.rS wurde Sailer 1751 zu Aresing
in Liberbayern geboren. Unterstützungen ermöglichten es dem Vater,
den begabten Knaben in München das Gymnasium besuchen zu lassen.
Mit 10 Iahen trat Sailer als Novize in den Jesuitenorden ein. Dessen
Auflösung zwang ihn aber. 1773 die Universität Ingolstadt zu beziehen,
wo er bis 1777 Theologie, Philosophie. Mathematik und Naturwissen
schaften studierte. Schon 1775 wurde er zum Priester geweiht. Seiner
hcrvorrag.nden Tüchtigkeit wegen ernannte ibn der Kurfürst zum
Repetitor der Universität und 1789 zum Theologreprofessor. Nach
eii'.igcn Jahren erhielt er einen Lehrstuhl in Dillingcn. Her las Sailer
bis 1704. Dimals wurde er entlassen. Dieses Schicksal war eine Folge
zcn igt. alles mit möglichster Milde zu beurteilen. Das zog ihm Ver
dächtigungen seiner Gesinnungstreue nn eigenen Lager zu. Und da er
nick: der Mann war. um seine Stellung zu kämpfen, mußte er sie
verlassen. Nach fünf Jahren aber wu.de er wieder in sein Amt be-
rufcu. dieses Mal nach Ingolstadt. Später lehrte er in Land-Hut. _ 1821
Wurde Sailer Domkapitular in Regensburg und Koadiutor des Bischofs,
dessen Nachfolger er 1820 wurde. Richt lauge hat er sein Hirtenamt
ausgeübt, denn schon am 29. Mai 1832 fterb er. Im Regensburger
Dem liegt er begraben. Ludwig 1. von Bayern ließ ihm dort ein
Denkmal setzen zum Tank sür die von chm genossene Erziehung.
1807 er.chien Sailers Hauptwerk unter dem Titel ..Ueber Er
ziehung für Erzieher". Diesterwcg. besten Weltanschauung
doch k.inesn'egs mit der Sailers übereinstimmte, sagte von diesem
Werke: «Wer sich durch dasselbe nicht gehoben, er
glüht, begeistert fühlt, an dem ist wenig verlören."
Sailers Werk hat eine Grundidee: Kampf gegen den Nationalis
mus seiner Zeit, der danials das Schtilwesen beherrschte Was er an
ihnl zu bekämpfen hatte, das sagt SaUer in einem Briefe: «Dieser
Ralicnalismuö begnügte sich nicht damit, fing auch garnicht daniit an.
die Unterscheidungslchrcn der katholischen Kircbe zu bestreiten, sondern
s-tne Grund- und Totaläußerung war die: Von dem ganzen posi'iven
Christentum ist nichts annehmbar, als die darin ausgesprochene Ber-
nuu fl moral und die Lehre, daß Gott Allvater sei und der Menschen-
geist unsterblich: alles übrige ist Gedicht. Aberglaube. Unsinn."
Um diese Geistesrichtung aus den Schulen fern zu halten, ruft
Sailer den Erziehern zu: .Mehmet e>lch mit allem Fleiße des ch ist
richen Unterrichts in den Schulen an. pflanzt hier m die zarten Oerzen
die Keime der Gottesfurcht, der Liebe und Ehrfurcht gegen die Eltern,
pfleget vor allem die heilige Pflanze der kindlichen Unschuld und be-
wahret sie wie euren Augapfel. Lehret die Kleinen ihre Herzen und
Hände in kindlichem Flehen zum Vater im Himmel zu erheben; das
Gebet ihrer unentweihten Lippen dringt durch die Wolken. Präget
die Lcbren der Religion tief in ihr Gedächtnis, aber auch tief in ihr
Gemüt".
Nicht das Unterrichten allein betracht ck somit Sailer als die Auf
gabe des Lehrers. Er will auch, daß dieser ein tüchtiger E zieher sei.
Dafür mutz er aber selbst «erzogen" sein. d h. in seinem Herzen müssen
Religion und Liebe leben; er muß etwa- können und sein ErziehungS-
wcrt muß getragen fein von einer guten nationalen Gesinnung. ..Er
muß ein deutscher Mann sein, um seinen jungen Freund zum deutschen
Mann heranziehen zu können " Am meisten warnt Sailer vor der
«nscitigen Verstandesbilduny seiner 3 it: ...... aus dieser Schule
gehen buntschwätzige Raisonneurs und unruhige Alleswisser hervor, die
«selber nie zur Ruhe kommen und andere beunruhigen."
I Insbesondere warnt Sailer den Lehrer vor dem methodischen
Fehler, in die Kinder unverstandene Kenntnisse hmelnzupfropfen. Von
'allem, was man dem Kinde beibringt, soll eS eine anschauliche Er
kenntnis haben. Mit ihrer Hilfe sollen die natürlichen Fähigkeiten
de« Kindes so entwickelt werden, daß eS im vorgerückten Alter selbständig
zu handeln versteht. Sailer sagt: «Der beste Lihrer darf nur Hc-
bammcndienste tun bei der Geburt heller Kenntniste. Bei allem Kunst-
jvnterprrht ist es Zweck, den Zögling zu bilden, d. i. zum Meister tüchtig
«Fu machen. Dieser schöne Zweck ist nur alsdann erreichbar, wenn der
Lubörer die Wahrheiten nicht so fest au- d?m Munde de- Lehrers, als
^vielmehr aus sich selbst herausnehme« lernt. Nur auf diesem Wege
der Bildung lernt der Zögling mit Lust arbeiten." Ausdrücklich aber
warnt Sarler vor jedem Zuviel; denn: ..Kindergesichter mit gemachte«
Schnurrbarte sind noch lieblicher anzusehen, als Kindergesichter mit b:m
Gepräge früher Berst indeLbildung." Diese schadet vielmehr der sitt
lichen und religiösen Ausbildung des Kindes. Unaufmerksamkeit füo
d:e Bildung des sittlichen Lebens der Kinder ,st nach Sailer „die Erb
sünde aller Erziehung". Wo ist bei so vielen Kindern die schlichte
Kindlichkeit geblieben? Warum sind sie so launenhaft, unaufrichtig,
so verschlossen und lügenhaft? Nur weil der Erzieher nachlässig, nach
giebig und glrichgültig war. Man gebe nur wenige Gebote, sorge
aber dafür, daß sie unter allen Umständen befolgt werden: „D.r Kodex
der Klndcrbildung soll eigentlich nur die zwei Gebote enthalten: Sei
gehorsam! Sei offen, aufrichtig, lüge nicht!"
Bei der Pflege des religiösen Lebens soll sich der Erzieher vor dem
schweren Fehler hüten, daß er geg nüber der zarten Kinderseele die
Religion zu verstandesmäßig behandelt Mvrali'chc Begriffe, die Ein-
sichr in d e Idee der Religion, sind erst eine Sache späterer Entwicke-
lungsstufen.
W.nn der Erzieher rrach diesen Anweisungen Sailers tüchtig»
Men wen heranzubilden bemüht toar. dann darf er sicher sein, auch
gute Mitglieder der menschlichen Gesellschaft erzogen zu haben' Sie
sind ra imstande, ihren Pl itz im Leben auszufüllen, und sie werde«
auch der Obrigkeit gehorsam und in Liebe zugetan sein, da sie religiös
erzogen wurden. Denn: «Es ist lächerlich, Vaterlandsliebe von Reli
gion. das Bächlein von der Quelle trennen zu wollen."
. Wer nun diese hoben Ziele erreichen will, der muß zwei Tugenden
sein eigen nennen: Liebe und frohe Laune. Jeder Lehrrr weiß, wie
recht Sailer mit dem Wort hat: «Wenn ich's sonst nicht wüßte, wie
Seele auf Seele so schnell, so stark wirkt, wie unsere Mißstimmung
andere verstimmt, so würde ich das in meiner Schule fernen. Wenn
ick so recht froh in dieselbe komme, so sind meine Kinder Engel, und
alles acht herrlich."
Nur noch eins fordert Sailer vom Erziher: die Demut. Er saptr
«Schulmeisterstolz ist das Aergerlichste. was man sich denken kann."
Dabei soll aber der Lehrer stets ein Bewußtsein, haben an der Wichtig
keit feiner Stellung und auf den Lohn Gottes vertrauen: „Wer ab:r
die Menschheit in den Kindern liebt und für ibr Wachstum und ihre
Geistesbildung sich opfert, der ist ein großer Mann, wenn ihn gleich
kein Staatskalendcr. keine Literaturzeitung und überhaupt keine Druck
presse namhaft macht. Sein Name ist im Himmel angeschrieben, und
die Engel Gottes nenn n ih>i mit Ehrfurcht." So kann der Erzieber
niemals des göttlichen Beistandes entraten. Und deshalb schließt Sailer
sein Werk mit den schönen Worten: „Der beste Pädagoge wird mit
Paulus sagen müssen: Es liegt auch h er nicht am Rennen und Laufen;
es ist Erbarmung, Seoen der ewigen Liebe, was das Gedeihen gibt.
Erzieher! Es ist em Höherer als du und als alle Erzieher und alle
Zöglinge, und der erzieht eigentlich."
So soll also rctigiöse Gestnnurig Grundlage. Kern und Ziel der
Erziehung sein. Das ist SailerS grundsätzlicher Slandpnnkt in: G'gcn.
sitz zum Nationalismus — ein Standpunkt, der heute so zeitgemäß
ist wie nie zuvor. Wenn der Lehrer im Geiste Sailers arbeitet, muß
er sein Ziel erreichen. Das aber wird für ihn de: Fall lein. wenn er
So lerS Mahnung befolgt, die wir als Richtschnur seines ganzen Lebens
uup Wirkens betracht.« können:
«Sei selbst Mensch, um Menschen zu erziehen!"
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| SS | Aus den Vereinen. ° SS
Jubeltagung des Kath. Lehrerverbandes, Provinz
Westfalen.
der Kath. Lehrerverband, Provinz Westfalen, im Jahre
II 1916 aus sein 25jähriges Bestehen zurückblicken konnte,
machten die Wirren des Krieges es nicht möglich, den Tag
in der rechten Weise begehen zu können, an dem sich in
Werl eine kleine Schar katholischer Lehrer mutig zu einem Zweige
des Kath. Lehrerverbandes des Deutschen Reiches zusammenfand.
Jetzt nun sind es 30 Jahre, daß jene Bereinigung zustande kam,
die sich inzwischen aus einem Keinen Reis zu einem machtvollen
Baume entwickelt hat. Mit 65 Mitgliedern, die 6 Ortsvereinen
angehörten, trat der Zweigverband im Jahre 1991 ins Dasein. Als
er nach drei Jahren in Bochum seine Hauptversammlung abhielt,
zählte er bereits in 52 Ortsvereinen 1113 Mitglieder. 1904 konnte
aus der Vertrcterversammlung in Dortmund mitgeteilt werden,
dass das zweite Tausend um mehr als 100 überschritten sei, und 1911.
zählten die 122 Ortsvereine über 3060 Mitglieder. Bei der letzten
Hauptversammlung, die Pfingsten 1921 in Paderborn stattfand,
konnte gemeldet werden, dass die Mitgliederzahl 4100 erreicht sei.
Und von der Jubelversammlung ist zu erhoffen, daß ste dem Ver-
bände einen ganz gewaltigen Aufschwung bringen wird.
Unter den Zwcrgverbänden des Kath. Lehrcrverbandes sttht der
westfälische an dritter Stelle. Er wird an Mitgliederzahl nur
übertroffen von Schlesien und Rheinland. Und unter den 128
Ortsvereinen in Westfalen nimmt der Kath. Lehrerverem für
Bochum und Umgegend die zweite Stelle ein. nachdem er bis vor

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