^Katholische Zeitschrift für Srzichung und Bildung:
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Inhalt: Einige philosophische Grundfragen — auf Volksschulstoffe bezogen. — Kinderlied, Kinderspiel und G'sclnchtsunterricht Mts
heiniatlick-er Grundlage. — Schulentlassungsfeier. — Im Volköstaat: Die Folgen der Friedensverträge für die Weltpolitik und
für Oesterreich. — Schulpolitrsche Zeirfragen: Neues Leben. — Lehrer warte: Dev unzufriedene Lehrer. Zur Leb
rerbildung. Strikte Forderung nach einer gerechten Eurgruppi eruna der Lehrer in die preußische Besoldungsordnung. Preußi
scher Landtag. — Aus den Vereinen. — Vereinskalender. — Bezugspreis 18 Mark. — Vom Büchertisch. — Briefkasten.
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1. Jahrgang
ctllitfwoch, den 22. OHärz 1922
Jtummcr 22
Einige philosophische Grundfragen — auf
Volksschulstoffe bezogen.
* Von Seminar-Prorektor Volkiner in Liebenthal (Schlesien).
Zu den erfreulichsten Erscheinungen unseres gegenwärtigen
Geisteslebens gehört das Streben nach Verinnerlichung und Ver
einheitlichung unserer Erkenntnisse; philosophische Fragen drängen
sich vielen auf und verlangen Stellungnahme und Hingabe. Auch
in der Lehrerschaft ist dieser philosophische Zug stark zu spüren, eine
Tatsache, die noch erfreulicher wäre, wenn man sich überall daran
erinnerte, dass auch einfache Stoffgebiete philosophische
Probleme in sich bergen. Unsere Bolksschulstoffe, wie sie in den reli
giösen Lehrstücken, in Gedichten, in sprachlichen und mathematischen
Gesetzen usw. vorliegen, sind wahrlich nicht arm an solchen philoso
phischen Durchdringungen; es kommt nur darauf an, daß wir die
aus den einzelnen Zweigen der philosophischen Wissenschaft, insbe
sondere aus der Erkenntnistheorie, der Logik und Ehtik heriiber-
genonnnene Grundfragen in diesen Lehrgiitern erkennen und an
thuen unser philosophisches Denken üben. Vielleicht dient es manchem
Leser unserer Zeitschrift zur Anregung, wenn ich in zwangloser
Reihe, in kleinen, in sich abgeschlossenen Einzelarbei-
ten solche philosophische Grundfragen aus Volksschnllehrerstoffen
hervorhebe und jedesmal zu zeigen versuche, wie es die Eigenart des
philosophischen Denkens ausmacht, im Einzelnen das Ganze
zu sehen.
k.l Einige ethische Grundfragen aus zwo' Gedichten.
Wer kennt nicht das ergreifende Gedicht „Der Lotse" von Giese»
brecht! Der alte Lotse erkennt die Gefahr» in der sich die Brigg be
findet, und ruft aus: „Sie mutz am Borgebirg zerschellen." Gleich
darauf aber erklärt er fest und bestilmt: „Ich mutz hinaus, da» ich
sie leite." Er wendet in beiden Fällen das Hilfszeitwort „müssen"
an; aber wie verschieden ist jedesmal die damit bezeichnete Not
wendigkeit. Wenn er sagt, daß das Fahrzeng am Vorgebirge
zerschelle,: muß, so ist dieses Urteil Herübergenonnnen aus der Welt
der Gesetze; wenn er aber behauptet, daß er zur Rettung hinaus
muß, so tveist dieses Urteil auf die W e l t d e r W e r t e lstn. Schroff
stehen also einander die Welt der Gesetze im Psychischen und die Welt
der Werte im Physischen gegenüber. In der Welt der Gesetze
herrscht die zwingende Kausalität von Ursache und Wirkung, wie
ja hier das Schiss unter gewissen natürlichen Verhältnissen unter
gehen Ni u tz. Wie anders in der Welt der Werte, wo zwar auch ge
wisse Abhängigkeiten bestehen, in der aber keineswegs derselbe Er
kenntnisvorgang Zimmer die gleichen inneren Bewegungen auslöst;
denn auch der jüngere Lotse erkennt die Gefahr und wertet doch
anders, ettva: bei einem solchen Sturm wäre der Einsatz meines
Lebens em törichtes Beginnen.
Aber noch in einem anderen Sinne steht hier die Welt der Ge
setze der Welt der Werte gegenüber. Das E r -
k e nn e n der Gefahr ist ein verhältnismäßig un-
persönlicher Vorgang; jeder, der über die nötigen Fachkenntnisse
verfügt, erkennt die in der Kausalität des Naturgeschehens begrün
dete Erscheinung der Gefahr. Ganz anders ist es in der Welt der
Werte. Weil alle Wertung auf dem Gefühl beruht, so birgt sie etwa
Eigenartiges. Individuelles in sich. Die beiden Lotsen,
deren Gespräck) uns der Dichter vorführt, bewerten in ganz verschie
dener Weise: der alte Lotse sieht es als seine Pflicht an, sein Leben
für die Rettung des Schiffes einzusetzen, der jüngere lehnt eine solche
Verpflichtung in diesem Falle ab. Unser Unterricht hat das
eine Mai die ehrenvolle Aufgabe, den Schüler in die Welt der Ge
setze hineinsehen zu lassen, ihm die Wucht der dort herrschenden
Kausalität im einzelnen aufzuzeigen, wie etwa in der Naturkunde.
Eine noch erhabenere Aufgabe aber hat in der Ecziehungsschule der
Unter richt insofern zu lösen, als er das Kind in die Welt der Werte
einzuführen hat. Freilich ist diese letztere Aufgabe, eben tveil es sich
hier um etwas Individuelles, Persönliches lxmdelt, viel schwerer
zu lösen als die erste, und nur dann können wir ihre Lösung erhof
fen, wenn wir es verstehen, das Erlebnis des Kindes zum
Ausgangspunkt der Wertung zu machen.
Chamissos Gedicht „Die alte Waschfrau" ist ebenfalls recht ge«
eignet, uns einige ehtische Grundbegriffe vorzuführen. Wenn der
Dichter, nachdenr er den Tod des Mannes berichtet hat, sagt: „Da
galt's, die Kinder zu ernähren", so will er uns den Pflicht be
griff ansck-anlich vorführen. Es gehört zum Wesen der Pflicht,
daß ihr der Charakter einer Schuld innewohnt, die wir lösen
sollen. Diele Lösung ist für uns zugleich ein sittliches Gebot, daß
uns verpflichtet. Der Dichter Chamisso sagt zwar nicht ausdrücklich,
wer bei dieser Pflicht der Gesetzgeber ist, ob Selbstgesctzgebung
(Autonomie) oder die Gesetzgebung durch einen Gesetzgeber
außer uns (Heteronom ie) vorliegt; aber da er vorher hervor
gehoben hat, daß die Waschfrau beim Tode ihres Mkannes „Glaub'
und Hoffnung nicht verloren hat", so wissen wir wohl, wen die
schlichte Frau als ihren Gesetzgeber betrachtet: nämlich Gott, bell
höchsten Herrn rmd gütigen Vater. In der letzten Strophe deutet
der Dichter an, daß die Waschfrau es verstanden hat, „am Kelch des
Lebens sich zu laben"; trotz ihres harten Loses hat sie die kleinen
Freuden, die das Leben auch ihr bot, dankbar genossen. Gewiß hat
sie bei der Erfüllung mancher ihrer Pflichten sich hier und da wohl
zur Pflichterfüllung aufraffen und zwingen müssen, aber in gar vie
len Fällen gingen in ihrem Leben doch Neigung und Pflicht
gemeinsame Wege. Indem sie — selbstverständlich unbewußterweise
— dem kategorischen Imperativ folgte, zeigte ihre Pflick/t-
erfüllung ein freudig-heiteres Gepräge. Der ethische Rigo
rismus freilich weist auf einen iminer bestehenden Gegensatz
zwischen Neigung und Pflicht hin; glücklich aber der Mensch, der zu
einer Ver-söhnung der Pflicht mit der Neigung fortgeschritten
ist; ihm wird nicht nur die Pflichterfüllung erleichtert, sonderrr er
lernt auch, „sich am Kelch des Lebens zu laben". Ja noch mehr. die
so gewonnene sittliche Freiheit bewirkt jene innere Harmonie,
die der Dichter sich wünscht, wenn er verlangt, am Lebensende
„gleiche Lust am Sterbehemd zu haben."
Wenn auch der Zweck der Belehrung nicht znm Wesen der
Dichtung gehört, so ist es doch naturgemäß, daß sehr viele Ach
tungen als Nebenwirkung eine Läuterung und Vertiefung unseres
sittlichen Gefühls in uns hinterlassen. So wird die den Kin
dern gebotene Literatur auch im Sinne der sittlichen Beeinflussung

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